Betreuung und Bildung für Menschen in und um Hamburg.

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Projekt religions- und
kultursensible Pädagogik

Ansprechpartner:
Michael Tüllmann

mtuellmann(at)rauheshaus.de
Sylke Kösterke

skoesterke(at)rauheshaus.de

Beim Rauhen Hause 21
22111 Hamburg
Tel. 040 / 655 91-339
Fax 040/ 655 91-395
mtuellmann(at)rauheshaus.de

Auch in der Schule: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

"An unserer Schule kommt man praktisch mit der ganzen Welt zusammen. Es ist spannend, verschiedene Traditionen und Kulturen kennenzulernen", sagt eine Schülerin des Kurt-Körber-Gymnasiums in Hamburg-Billstedt. Und eine Mitschülerin ergänzt: "Wenn wir voneinander etwas wissen, z.B. durch Ausflüge in Moscheen, Kirchen und Synagogen, können wir uns besser verstehen." In ihrer Schule bekommen Besucher direkt beim Betreten des Gebäudes einen Eindruck von der Vielfalt der Schülerschaft. Das Flaggenbild im Foyer zeigt die aktuell 35 verschiedenen Herkunftsländer.


Kooperation und Austausch

Die Schule kooperiert mit dem Rauhen Haus bereits seit zehn Jahren in der Schulsozialarbeit. Erklärtes Ziel ist es, Vielfalt als Stärke zu begreifen. Wie werden Schüler, Lehrerkollegium und Eltern auf diesen Weg mitgenommen? Etwa 80 Prozent der Gymnasiasten hier haben einen Elternteil, der nicht in Deutschland geboren wurde. Viele sind muslimisch, andere gehören einer christlichen Kirche an oder sind Sikhs. Verschiedene Kulturen in einer Schule täglich zu erleben, vermittelt Wissen über andere Religionen und Kulturen. Und es ist eine Chance für gelingendes Zusammenleben mit Menschen unterschiedlicher Herkunft in den Sozialräumen der Stadt.

Leben in Billstedt

In dem Stadtteil mit 70.000 Einwohnern im Osten Hamburgs leben mehr jüngere Menschen. Rund die Hälfte der Billstedter hat einen Migrationshintergrund. Im Vergleich zum Hamburger Durchschnitt verfügen die Menschen über ein kleines Einkommen; doppelt so viele beziehen Transferleistungen. Der Anteil der Haushalte mit Abitur ist deutlich geringer als im Hamburger Westen.

Das Kurt-Körber-Gymnasium wurde 1968 als Gymnasium Billstedt gegründet. 2007 wurde es nach dem Hamburger Unternehmer und Mäzen Kurt A. Körber benannt. In der Schule kommen Schülerinnen und Schüler aus 35 Herkunftsländern zusammen, die alle das Abitur anstreben. Es sind Christen unterschiedlicher Konfessionen, Muslime, Sikhs und Buddhisten, Anhänger weiterer Religionsgemeinschaften und Schülerinnen und Schüler ohne Religionszugehörigkeit.


Raum für existenzielle Fragen

Die Beschäftigung mit dem eigenen Glauben gilt an der Schule als bedeutendes Bildungsziel. Schulleiter Christian Lenz ist überzeugt, dass es für die großen Fragen nach dem Woher und Wohin in der Schule ausreichend Raum geben sollte: "Das ist geradezu eine Voraussetzung für gute Bildung." Glaube erweise sich zudem oft als eine Kraftquelle und fördere die Resilienz. Wie an allen Hamburger Schulen werden im Fach Religion nach dem Hamburger Modell Schüler aller Glaubensrichtungen gemeinsam unterrichtet. Doch die Schule tut seit einigen Jahren noch deutlich mehr. Seit drei Jahren ist die Arbeitsgruppe Interkulturelles Lernen aktiv. Schüler können freiwillig an einer Reli-Akademie teilnehmen und dort ihr Wissen vertiefen. Das Gymnasium bildet außerdem Freiwillige als Elternmentoren aus. Diese sind im "Elterncafé" einmal im Monat als Ansprechpartner präsent. Schülermentoren unterstützen jüngere Schüler beim Lernen - und sind Ansprechpartner bei Problemen.


Glaube und kritisch-aufgeklärtes Denken

Die Schule habe den "Auftrag, die Schüler zu befähigen, ein aufgeklärtes Verhältnis zu ihrer Religion zu bekommen", erklärt Schulleiter Christian Lenz. Die Schule biete die Chance, dies einzuüben. Wer in der Schule lerne, über seinen Glauben zu sprechen und eigenständig darüber nachzudenken, der falle nicht auf Hassprediger und Fundamentalisten herein. Ihrer Schulcharta hat die Schule Art. 1 des Grundgesetzes vorangestellt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses Prinzip steht über den unterschiedlichen Wert- und Moralvorstellungen und verpflichtet alle auf einen toleranten und respektvollen Umgang miteinander.
Sozialpädagogin Katja Röschmann arbeitet sowohl in der Jugendhilfe des Rauhen Hauses als auch mit einer halben Stelle im Gymnasium. Sie hat regelmäßige Sprechzeiten an der Schule, beteiligt sich an der AG Interkulturelles Lernen, führt Gespräche mit Eltern und sucht bei Bedarf die Familien auch zu Hause auf. Sie hat viel Erfahrung im Umgang mit - auch religiös aufgeladenen - Konflikten und stellt fest: "Glauben und Religion prägen unser Denken und Handeln mehr als uns bewusst ist. Man muss da nur ganz genau hinschauen - auch bei sich selbst." Schulleiter Christian Lenz unterstreicht: "Wir brauchen hier eine besondere Sensibilität dafür, wie Jugendliche mit Religion umgehen. Im Rauhen Haus ist das ebenfalls Thema. Deshalb ist der intensive Austausch der Erfahrungen wichtig. Wir können dadurch mit mehr Gelassenheit an schwierige Themen herangehen."


Der gemeinsame Nenner

An diesem Gymnasium werden die "heißen Eisen" nicht von oben herab entschieden, sondern konstruktiv diskutiert. Sei es etwa die Beteiligung muslimischer Mädchen an Klassenreisen oder am Sportunterricht. Katja Röschmann erinnert sich auch an eine besonders lange Debatte mit den Elternmentoren über Sexualkunde im Biologieunterricht. Am Ende konnten die Eltern das Unterrichtthema akzeptieren, weil sie erfahren hatten, wie der Gesetzgeber damit Kinder und Jugendliche vor Gefahren schützen möchte. Katja Röschmann: "Theoretisch könnten wir uns einfach auf die Gesetze und Lehrpläne berufen. Aber wir gehen aus Prinzip immer in den Austausch der unterschiedlichen Perspektiven. Wir nehmen alle in die Verantwortung, einen gemeinsamen Nenner zu finden."

 


Buchtipp: Soziale Arbeit mit jungen Geflüchteten in der Schule

Ein Arbeitsbuch für SozialarbeiterInnen und Lehrkräfte mit Konzepten und Praxiserfarungen, mit Hintergrundwissen und Informationen zu rechtlichen und ethischen Fragen.
Claudia Seibold/Gisela Würfel (Hrsg.), Beltz Verlag, Weinheim 2017, 220 Seiten
16,95 €, ISBN 978-3-7799-3455-4

 

Bundesweite Tagung. Diakonie und Rauhes Haus.

Religion gehört zum Kern der diakonischen Identität und sie hat auch weiterhin, anders als manche Prognosen meinten, ihren festen Platz in unserer Gesellschaft. Es sind jedoch vielfältige Veränderungen zu beobachten, wie fortschreitende Säkularisierung und zugleich zunehmende religiöse und kulturelle Diversität.Diakonie Deutschland und Das Rauhe Haus laden zur gemeinsamen Tagung ein.

Blick in die Zukunft: Reibungsverluste oder funktionierende Zusammenarbeit

In seinem Eröffnungsvortrag spricht der Wirtschaftsjournalist und Zukunftsforscher Erik Händeler über "Die zukünftige Bedeutung des Religiösen in der multikulturellen Gesellschaft." Im digitalen Zeitalter, wo der Einzelne die Wissensflut nicht mehr überblicken könne, seien wir zunehmend auf andere angewiesen, so seine Kernthese. "Die Reibungsverluste oder aber das Funktionieren der Zusammenarbeit entscheiden weltweit den Wettbewerb, die von Religionen geprägten Kulturen machen den Unterschied – ein neues Paradigma verändert Verhaltensmuster und Hierarchien wie früher bei Dampfmaschine oder elektrischem Strom." Das neue Muster für Wohlstand gleiche der Ethik des Evangeliums, konstatiert Händeler. "Etwa auch dann noch weiter zusammenzuarbeiten, wenn man sich gestritten hat; einen wahrhaftigen anstelle eines eigennutzorientierten Umgangs; die Demut, sich zurückzunehmen, wenn die eigene Kompetenz gerade nicht gebraucht wird." Das bedeute, so Händeler: "Was das Evangelium ausmacht, gerät ins Zentrum der gesellschaftlichen Veränderung."


Resonanzerfahrungen und Glück

Prof. Dr. Hartmut Rosa von der Friedrich-Schiller-Universität Jena fragt in seinem Vortrag nach den Bedingungen für ein gutes, ein erfülltes Leben. Geht es vor allem darum, die individuellen Ressourcen zu optimieren? "Wir neigen dazu, unsere Lebenszufriedenheit just daran zu messen, wie viel wir verdienen, wie gesund wir sind, wie viele Freunde wir haben etc.", stellt der Soziologe und Politikwissenschaftler fest. Er hält diese weitverbreitete Auffassung jedoch für zu kurz gegriffen. "Es ist nicht die Steigerung unserer Ressourcen, die unser Leben besser macht, sondern die Möglichkeit zur Ausbildung von 'Resonanzachsen': Glücklich sind Menschen, wenn sie das Gefühl haben, in lebendigen 'Antwortbeziehungen' zu den Menschen, zu den Dingen, zu ihrem Körper, zur Natur etc. zu stehen. Solche Resonanzerfahrungen suchen Menschen vor allem in der Natur, in der Kunst und in der Religion, aber auch in der Familie und in ihrer Arbeit."


Bundesweite Tagung am 7. März 2017

Religions- und Kultursensibilität in der Sozialen Arbeit
Glaube als Ressource
Alle Informationen und Anmeldeunterlagen


 

Weitere Tagungen zum Thema

Kongress: 16. Deutscher Jugendhilfetag DJHT
Auf dem bundesweiten Fachkongress werden rund 240 Veranstaltungen angeboten, rund 380 Ausstellerinnen und Aussteller können während der Messe besucht werden. Einer der Workshops wird vom Rauhen Haus zum Thema RKS gestaltet. Veranstalter ist die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ).

16. Deutscher Jugendhilfetag 2017, 28. bis 30. März, Düsseldorf >


Jahrestagung: Deutsche Gesellschaft f
ür Soziale Arbeit DGSA
Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) in Berlin widmet sich in diesem Jahr dem Thema "Soziale Arbeit und Menschenrechte". Die Tagung in der Alice Salomon Hochschule geht über zwei Tage. In den verschiedenen Panels können die Besucher auch einen Vortrag über religionssensible Soziale Arbeit als neue Herausforderung für Theorie und Praxis hören sowie ein Impulsreferat zum Thema Religionssensibel Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe.

Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit, Tagung 29. bis 30. April 2017, Berlin >

 

Zur Themenübersicht

Neues Buch: Rückkehr des Religiösen ins öffentliche Bewusstsein.

Mit Blick auf die aktuellen gesellschaftspolitischen, medialen, alltagsbezogenen Diskurse lässt sich beobachten: Wir erleben eine Renaissance von Religion, die vom Raum des Persönlichen und Privaten in den Raum des Öffentlichen und Kollektiven wandert. Religion wird zum Bezugspunkt öffentlich wahrnehmbarer individueller und kollektiver Anerkennungsforderungen sowie Sinnsuchbewegungen. Diese Rückkehr des Religiösen ins öffentliche Bewusstsein ist für die Soziale Arbeit als Wissenschaft und als Profession grundsätzlich von Bedeutung. So sind es unter anderem die Adressaten und Adressatinnen der Sozialen Arbeit, die Religion thematisieren und die Fachkräfte zu einer Auseinandersetzung mit Religion herausfordern.

Mit Beiträgen von Aksünger, Handan / Altunbay, Ayse / Baumann, Klaus / Bayer, Wolfgang / Bohmeyer, Axel / Brumlik, Michael / Düchting, Frank / Freise, Josef / Frick, Eckhard / Gabriel, Angelika / Graf, Gunter / Green, Friedemann / Haas, Hanns-Stephan / Hahn, Kathrin / Hüseman, Anita / Kalender, Mehmed / Kraack, Kay / Kösterke, Sylke / Lechner, Martin / Leßmann, Ortrud / Lob-Hüdepohl, Andreas / Löchelt, Kerstin / Mai, Carsten / Meir, Ephraim / Muth, Cornelia / Nagel, Alexander-Kenneth / Nas, Özlem / Nauerth, Matthias / Schulte, Axel / Schulz, Claudia / Starnitzke, Dierk / Theurich, Andreas / Thiersch, Hans / Tüllmann, Michael / Vieregge, Dörthe / Weiße, Wolfram / Zimmermann, Germo.

 

Religionssensibilität in der Sozialen Arbeit. Positionen, Theorien, Praxisfelder.

Matthias Nauerth / Kathrin Hahn / Sylke Kösterke / Michael Tüllmann (Hrsg.),
Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2017 (im März), 510 Seiten, ca. 45 €,
ISBN 978-3-17-032206-6. E-Book PDF 978-3-17-032207-3, ca. € 40,–

 

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