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Projekt religions- und
kultursensible Pädagogik

Ansprechpartner:
Michael Tüllmann

mtuellmann(at)rauheshaus.de
Sylke Kösterke

skoesterke(at)rauheshaus.de

Beim Rauhen Hause 21
22111 Hamburg
Tel. 040 / 655 91-339
Fax 040/ 655 91-395
mtuellmann(at)rauheshaus.de

Fachtag: Wieviel Religion ist in der Lebenswelt?

Das Projekt Religions- und Kultursensible Pädagogik war mit einem Workshop präsent beim Fachtag Lebenswelt- und Ressourcenorientierung am 30. Mai im Rauhen Haus. Die Veranstaltung des Stiftungsbereichs Kinder- und Jugendhilfe wurde mit einem brillanten Vortrag von Prof. em. Dr. Dr. Hans Thiersch eröffnet. Er nahm die Zuhörer im vollbesetzten Wichernsaal mitten hinein in Grundüberlegungen und aktuelle Fragestellungen der Lebenswelt-Theorie. Begrüßt hatte ihn zuvor Dr. Peter Marquard, Stiftungsbereichsleiter Kinder- und Jugendhilfe, Das Rauhe Haus: „Wir haben uns diesen Grundsatz-Vortrag gewünscht, weil wir es wichtig finden, uns wieder neu mit den Prinzipien unserer Arbeit zu beschäftigen. Zu den bis heute wichtigsten Theorien der sozialen Arbeit gehört die Lebensweltorientierung, die von Prof. Thiersch entwickelt wurde.“

Transzendierung des Alltags

Prof. Hans Thiersch, der bis 2002 an der Universität Tübingen Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik lehrte, beschrieb den Wunsch von Menschen nach einem gelingenderen Alltag, auch und gerade, wenn sie in schwierigen Lagen leben. Er betonte in diesem Zusammenhang auch ihr Bedürfnis nach einer Transzendierung des Alltags, also eines Seins, das nicht auf den Alltag reduziert ist.

Für Prof. Dr. Kathrin Hahn von der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, die den Fachtag besuchte, ergeben sich daraus interessante Fragen: „Wenn wir Menschen uns, wie gerade gehört, orientieren an einem gelingenderen Alltag, wenn wir Bilder und Möglichkeitsentwürfe für ein gelingenderes Leben im Kopf haben, frage ich mich, welche Rolle Religion an dieser Stelle spielt oder spielen kann.“ Möglich sei sowohl eine positive, Kräfte freisetzende Wirkung, wie auch andererseits eine einengende und hemmende. Beide Fälle seien relevant für die Soziale Arbeit.

Hilfreich in der Diversität

In der praktischen Arbeit erweise sich, so die Wissenschaftlerin, der lebensweltliche Ansatz als besonders hilfreich - gerade auch im Hinblick auf die Integration von vor kurzem oder auch schon früher Zugewanderten. Ihr Kollege Prof. Dr. Matthias Nauerth betonte, dass die Lebensweltorientierung ihre emanzipatorische Kraft besonders hier zeigen könne: „Wenn wir nach diesem Ansatz arbeiten, ist das eine Richtungsvorgabe. Wir orientieren uns dann nicht blind an der Dominanzkultur, sondern sind offen für das, was die anderen mitbringen. Unsere Aufgabe ist es, das auszubalancieren mit dem, was wir hier für richtig halten.“

Wie gelingt der Dialog?

„Die Suche nach Orientierung begleiten - wie kann das gehen?“ - So hieß der Workshop, bei dem Michael Tüllmann und Sylke Kösterke vom Projekt Religions- und Kultursensible Pädagogik am Nachmittag mit knapp 30 vorwiegend jungen Teilnehmern, viele davon aus der Flüchtlingshilfe, angeregt diskutierten. Mit dabei auch Petra Thiel, Leiterin des SCHORSCH (Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde). Für die dortige offene Kinder-, Jugend- und Familienarbeit hat sich Petra Thiel mit ihrem Team gerade in Workshops mit der Religions- und Kultursensiblen Pädagogik vertraut gemacht. Teilnehmer erzählten, wie in ihrer Arbeit Religion zugleich ein wichtiges und manchmal schwieriges Thema ist: „Wenn ich nicht religionssensibel bin, komme ich an die Jugendlichen gar nicht heran.“ - „Wir haben einen salafistischen Prediger hier im Sozialraum, das macht das Thema für uns sehr heikel.“ Sylke Kösterke stellte klar: „Religions- und kultursensibel zu arbeiten heißt nicht, naiv zu sein, sondern hinzuschauen und Dinge auch so ansprechen zu können, dass ein Dialog daraus entsteht.“ Michael Tüllmann erläuterte, wie die Religions- und Kultursensible Pädagogik von der Theorie der Lebensweltorientierung aus entwickelt wurde und hier ihre theoretisch-methodische Heimat hat. 

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Transkulturelle Ambulanz: Wenn das Leben in zwei Kulturen krank macht.

Nach Flucht oder Einwanderung bringt das Einleben in einer neuen Gesellschaft oft Stress- und Überforderungssituationen mit sich. Besonders Kinder leiden darunter. Im Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) wurde deshalb in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Transkulturelle Ambulanz eingerichtet. Wer einwandert, hat die Sprachbarriere zu überwinden und muss sich mit einer fremden Kultur und Lebensweise vertraut machen.

Ambulanz für Kinder und Jugendliche

Idealerweise ist er am Ende in zwei Kulturen zu Hause und in zwei Sprachen kompetent. Doch nicht immer gelingt das. Das Risiko psychischer Erkrankungen ist deutlich erhöht. Bei Kindern und Jugendlichen kann sich dies unter anderem in Verhaltensauffälligkeiten, Schulproblemen, Aggressivität oder Depressionen äußern. Deshalb werden ihre Symptome in der Transkulturellen Ambulanz mit einer besonderen Sensibilität für die Einwanderungssituation diagnostiziert und therapiert. Durch die Ambulanzärztin Frau Dr. Ayse Altunbay finden die Gespräche bei Bedarf in türkischer Sprache, sowie in weiteren Sprachen mit professionellen Dolmetschern statt. Für die Aufnahme ist eine ärztliche Überweisung notwendig.

Im UKE: Transkulturelle Ambulanz
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -Psychotherapie, und -Psychosomatik
Gebäude West 35 (W35), Ärztin: Dr. med. univ. Ayse Altunbay
Terminvereinbarung unter Tel. 040 / 7410-52230

Workshop: Sensibel arbeiten

Sylke Kösterke, Projektreferentin Religions- und kultursensible Pädagogik gestaltete im ersten Halbjahr 2016 vier Workshops für das Team des Schorsch. Das Schorsch ist eine Einrichtung der Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Georg-Borgfelde für integrative offene Kinder-, Jugend- u. Familienarbeit in St. Georg. Drei Fragen an Schorsch-Leiterin Petra Thiel.

Mit welchen Fragen sind Sie in die Workshops gegangen?

Petra Thiel: „Wir beschäftigen uns seit langem damit, welche Rolle Religion und Kultur in unserer Arbeit spielen. Wie kann Religion vorkommen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit und im Kontext von sozialräumlichen Hilfen? Zunächst war das auch eine Diskussion im Team. Darf Religion überhaupt Thema in unserer Arbeit sein? Als wir da einen Konsens hatten, suchten wir nach dem Dreh für die Umsetzung. Bisher kommt Religion schon in der Einzelfallarbeit vor, wenn Glaube für einen Jugendlichen wichtig ist. Wir wollten aber auch von uns aus Religion stärker als Ressource in den Blick nehmen. Wie kommen wir in ein gutes Gespräch darüber? Jugendliche provozieren uns manchmal auch. Wie kommen wir dann mit ihnen in einen Dialog über Religion als eine Kraftquelle und über das, was Religion im Kern eigentlich ist? Und wie können wir über gemeinsame Weihnachts- und Ramadanfeste hinaus im Alltag Raum und Angebote schaffen, sich über Glauben auszutauschen?“

Wir wollen mehr als nur die Feiertage feiern, sei es Weihnachten oder Ramadam. Wir haben einen Raum geschaffen, einen Oasenraum, wo man Kraft tanken kann. Wir arbeiten eng mit afrikanischer Gemeinde und Moscheegemeinde zusammen. Führt mehr Religion zu mehr Radikalität?

Was passierte dann in den Workshops?

Petra Thiel: „Uns ist deutlich geworden: Religion muss in der Gesellschaft ein Thema sein! Je mehr und je offener darüber gesprochen werden kann, umso besser für alle und erst recht für uns! Von den zu uns kommenenden Jugendlichen gehören viele zu afrikanischen christlichen Gemeinden und ein weiterer großer Teil ist muslimisch geprägt. Das fühlt sich ein bisschen so an, als wären wir auch ein Labor für ein Zusammenleben in Vielfalt. Es kann gelingen, wenn wir uns gegenseitig respektieren und akzeptieren.“

Was wird einfließen in Ihre Praxis?

Petra Thiel: „Wir konnten konkrete Ideen entwickeln, wie wir Religion als Ressource in unsere Arbeit einbinden können. Wir haben unsere Idee von einer „Schorsch-Oase“ weiterentwickelt und gestartet. Das ist ein niedrigschwelliges Angebot: Ein Raum, der allen offensteht, wo man Kraft tanken kann. Es gibt kleine Snacks, und es ist jemand zum Sprechen da. Wir haben uns unter anderem auch mit dem Gesprächsleitfaden beschäftigt, der im Projekt Religion- und kultursensible Pädaogik entstanden ist und werden ihn in unserer Einzelfallarbeit verwenden.“ 

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Frauen: Treffpunkt KiFaZ

Das KiFaz Dringsheide ist ein Treffpunkt für Familien in Billstedt mit Beratungs- und Gruppenangeboten und gehört zur Stiftung Das Rauhe Haus. Zehn bis fünfzehn Frauen vor allem aus afghanischen und türkischen Familien kommen regelmäßig morgens ins offene Café. So entstand vor zwei Jahren die Idee, hin und wieder abends im KiFaz gemeinsam zu feiern und zu tanzen. Das Café und die Frauenabende betreut Parvaneh Hosseinizefat, die alle hier „Pari“ nennen. Die Exil-Iranerin spricht Farsi und Türkisch und arbeitet seit 19 Jahren für das Kifaz: „Vielen dieser Frauen fällt zu Hause ‚die Decke auf den Kopf‘. Treffen mit anderen finden meist nur in den Privatwohnungen statt.“

Frauenabende einmal im Monat

Zu dem offenen Angebot, das einmal im Monat stattfindet, kommen Frauen unterschiedlichen Alters, zuletzt nahmen Mädchen und Frauen von 16 bis 60 Jahren teil. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund, sind nicht berufstätig und gehen nicht allein aus. Als Gastgeberin wird von ihnen erwartet, dass sie reichhaltiges Essen vorbereiten und sich um die Gäste kümmern. So kam der Wunsch auf, im KiFaz, das außer den Frauen auch ihren Familien vertraut ist, regelmäßige Abende zu organisieren. Eine junge Deutschtürkin sorgt als DJ für eine gut tanzbare Mischung aus traditioneller Musik und aktuellen Titeln. Die Frauen bringen ihre Lieblingsstücke mit. Um 20 Uhr geht es los und um 23 Uhr hat Pari meist Mühe, die Disko wieder zu beenden: „Die Stimmung ist fröhlich, wir tanzen ausgelassen. Viele Frauen legen ihre Kopftücher ab. Sie wissen, wir sorgen hier für einen geschützten Raum.“

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Essay: Werte vermitteln

Integration braucht Religions- und Kultursensibilität. Die Erfahrungen aus dem Projekt religions- und kultursensible Pädagogik können bei der Integration von (jungen) Flüchtlingen helfen. So können wir erreichen, dass die Vermittlung von Werten in einem Dialog stattfindet - und nicht als Einbahnstraße. Dieser Dialog beginnt am besten mit Fragen an die Jugendlichen.

Die Jugendhilfe der Stiftung Rauhes Haus in Hamburg führte gemeinsam mit der Akademie der Weltreligionen an der Universität Hamburg eine Befragung Jugendlicher über ihre Werte, Hoffnungen und ihren Glauben durch. Gesprochen wurde mit Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Allen gemeinsam waren existenzielle Krisenerfahrungen, zum Beispiel die Trennung von ihrer Familie. Einige hatten die Familie zurückgelassen oder auf der Flucht verloren, bei anderen brach die Familie auf Grund anderer Belastungen auseinander. Die Antworten flossen einerseits in eine wissenschaftliche Arbeit über die Religiosität von Jugendlichen ein, waren aber zugleich Teil unserer pädagogischen Arbeit mit ihnen. Durch die Fragen lernten wir die Glaubensvorstellungen der Jugendlichen kennen, zugleich fühlen sie sich in ihrer Ganzheit wahrgenommen, was uns half, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Ich bin sicher, dass die Zukunft noch was zu bieten hat“

Gerade bei muslimisch geprägten Jugendlichen ist Religion oft ein zentraler Teil ihrer Lebenswelt, der ihren Alltag prägt und strukturiert. Nicht zuletzt fördern die Fragen auch für den Jugendlichen selbst die individuellen Kraftquellen zutage, die in der ressourcenorientierten Arbeit grundlegend sind. Den Interviewern fiel auf, dass fast alle trotz ihrer schicksalhaften Erfahrungen positive Erwartungen an ihre Zukunft hatten. Ein Junge sagte: „Wenn es im Moment auch schwer ist und nicht gut läuft, bin ich sicher, dass die Zukunft noch was zu bieten hat. Das kann doch nicht alles gewesen sein!“

Die Jugendlichen hoffen auf ein Leben mit einem Beruf, der ihnen Spaß und Erfüllung bereitet. Das gibt ihnen Kraft, Herausforderungen anzugehen. Fast alle Jugendlichen glauben an eine Kraft, die über den Menschen ist und die Welt irgendwie zusammenhält. Woher diese Zuversicht kommt, ob sie sich aus einem wie auch immer definierten Glauben speist, ist für ihre Wirksamkeit zunächst nicht entscheidend. Diese jugendlichen Hoffnungen und ihre überraschende Zuversicht stellen kostbare Ressourcen dar, die es unbedingt zu wahren und zu stärken gilt.

Rolle des Glaubens bei muslimischen Jugendlichen

Während von den deutschen Jugendlichen ein eher diffuser Glaube beschrieben wurde, sind die Glaubensvorstellungen bei Jugendlichen aus muslimischem Umfeld deutlich konkreter. Ein unbegleiteter Flüchtling sagte: „Ohne meinen Gott hätte ich den Weg über Meere und durch die vielen Länder nicht geschafft.“ Es liegt nahe, bei der Arbeit mit ihnen diesen Lebensbereich nicht auszusparen. Etwas zu hören über die Glaubensvorstellungen und die konkreten religiösen Vorschriften, hilft beim gegenseitigen Kennenlernen. Allerdings setzt es beim Betreuer oder Erzieher auch die Bereitschaft voraus, über die eigenen Werte und Glaubensvorstellungen offen und konkret zu sprechen, wenn der Jugendliche danach fragt.

Meine Werte, deine Werte

Viele muslimisch geprägte Jugendliche übernehmen religiöse Vorschriften und hinterfragen sie nicht. Werden diese Regeln von ihnen absolut gesetzt, entstehen daraus leicht Konflikte. Wer junge Menschen bei der Integration unterstützen will, sollte dies erkennen und ansprechen. Wenn sie dauerhaft in Deutschland leben möchten, hilft es ihnen, sich mit unserem Wertesystem zu beschäftigen. Das bedeutet, ihre eigenen Werte und die in der aufnehmenden Gesellschaft vorherrschenden Werte miteinander in Beziehung zu setzen. Wo gibt es Übereinstimmungen? Wo sind die Unterschiede groß?

Aber welches sind die Werte, mit denen wir in Deutschland leben? Verschiedene Religionsgemeinschaften haben je eigene Vorschriften und Werte, selbst die christlichen Kirchen sind sich nicht in allen Punkten einig. Viele Menschen fühlen sich auch gar keiner Religionsgemeinschaft zugehörig, zeigen sich noch am ehesten dem Humanismus verbunden und den Menschenrechten. In der religiösen und kulturellen Vielfalt kann nur ein weithin akzeptierter nicht-religiöser Wertekanon die Grundlage des Zusammenlebens bilden. In Deutschland liegt es nahe, dafür das Grundgesetz heranzuziehen.

Grundgesetz schützt Vielfalt

Während in Deutschland aufwachsende Jugendliche mindestens indirekt mit den darin festgelegten Regeln vertraut sind, ist es für Flüchtlinge komplettes Neuland, mit dem  sie sich vertraut machen müssen. Das Grundgesetz schützt die persönliche Freiheit wie zum Beispiel das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung oder die freie Religionsausübung, die freie Berufswahl, das Recht auf Bildung, die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Es stellt die Familie unter besonderen Schutz, fordert gewaltfreie Erziehung ein und auch das Recht auf Asyl für politisch Verfolgte gehört dazu. Auch wenn es gar nicht auf eine Einwanderungsgesellschaft hin entwickelt wurde, steckt im Grundgesetz viel Bindekraft für eine Gesellschaft der Diversität. Es ist sowohl für die Jugendlichen als auch für Betreuer hilfreich, sich damit eingehender zu beschäftigen. Dafür stehen auch eine ganze Reihe von Büchern und Broschüren über das Grundgesetz zur Verfügung, die sich auch an Jugendliche wenden.

Wenn die Werte kollidieren

Möglicherweise vertreten Menschen, die neu zu uns gekommen sind, Werte, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar sind. Diesen Konflikt zwischen Gesetz und religiösen Vorschriften kannten sie aus ihrer Heimatkultur vielleicht nicht. Die inhaltliche Reflexion ist hier ganz wichtig, Bildung darf nicht nur darin bestehen, eine Anpassungsleistung zu verlangen. Wir müssen darauf hinwirken, dass nicht etwa religiöse Werte über die im Grundgesetz festgelegten Regeln eines Zusammenlebens in gegenseitigem Respekt gesetzt werden. Das bedeutet, die eigene religiöse Praxis und die individuellen Werte haben Grenzen: Da wo sie die Freiheiten oder die Würde anderer Menschen verletzen oder einschränken. Ein friedliches Zusammenleben in der Vielfalt gelingt nur, wenn jeder die Lebensweise oder auch die religiöse Praxis der anderen respektiert.

Der große Unterschied: Religiosität

Damit Religiosität für junge Flüchtlinge nicht zu einem Integrationshindernis wird, ist es besonders wichtig ihnen nahezubringen, was in Deutschland Religionsfreiheit bedeutet. Die Freiheit zu entscheiden, ob ein Mensch eine Religion ausübt und welche - wie auch die Freiheit, areligiös zu sein - kann nur bewahrt werden, wenn die säkularen gemeinsamen Werte stets über einzelnen religiösen Vorschriften stehen.

Menschen, die gezwungen sind, sich sehr schnell in diesem Land zu orientieren, werden die grundlegenden Werte kaum im stillen Kämmerlein systematisch studieren können. Sie erleben stattdessen in ihrem konkreten Umfeld, wie sie als ein Gemisch aus gesetzlich geregelten Rechten und Pflichten sowie regionalen Traditionen und Gewohnheiten gelebt werden – sicher auch nicht immer vorbildlich und perfekt. Sie werden ihrerseits viele Fragen dazu haben. Hilfreich ist für sie dabei die religions- und kultursensible Unterstützung durch ehrenamtliche Bildungspartner, Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen in außerschulischen Freizeit- und Bildungseinrichtungen sowie Schulkameraden und Nachbarn.

Religions- und kultursensible Bildungsarbeit

Religions- und Kultursensibilität meint in diesem Zusammenhang, sich auf das einzustellen, was die neuen Mitbürger aus ihrer Religion und Kultur mitbringen. Das bedarf einer guten Kommunikation auf Augenhöhe, damit Unterstützer und Jugendlicher den Dialog als bereichernd erleben.

Je motivierter die Jugendlichen Deutsch lernen, desto schneller können sie auch Zusammenhänge im gesellschaftlichen Umgang erfassen. Im Internet gibt es mehrere Ratgeber für Flüchtlinge, die bei der ersten Orientierung im Alltag hilfreich sind.

Man kann diese Orientierung mit dem Erwerb einer Fremdsprache vergleichen, wir erwarten also von den jungen Flüchtlingen gewissermaßen, dass sie sich gleich zwei neue Sprachen aneignen. Beim Erlernen einer neuen Lebensweise ist es außerordentlich wichtig, die bisherige kulturelle Zughörigkeit weiterhin wertzuschätzen und stolz auf die eigene Vielsprachigkeit als Kompetenz zu sein. Fatal wäre eine Anpassung um jeden Preis. Die Folge wäre eine Schwächung, wenn nicht sogar ein Verlust der eigenen Identität mit schwerwiegenden psychischen Folgen.

Anforderungen an Lehrer und Betreuer

Die Personen, die den Jugendlichen ehren- oder hauptamtlich durch Bildung und Beratung bei ihrer Integration behilflich sind, haben in der Regel keine solche Mehrsprachigkeit. Umso wichtiger ist ihr Interesse an den Kulturen und Religionen, die die Jugendlichen aus ihren Kulturen mitbringen. Die Jugendlichen selbst können berichten und über eigene Recherche, den Austausch mit Kollegen etc. erschließt sich besser, welche Werte in ihrer Herkunftskultur gelten. Dieser Dialog bringt im besten Fall auch die individuellen Kraftquellen der Jugendlichen ins Gespräch. Hieran kann die ressourcenorientierte Pädagogik anknüpfen. Es ist eine Arbeit auf mehreren Ebenen: Gerade bei Jugendlichen, die nur über begrenzte Deutschkenntnisse verfügen, wirken die Betreuer und Lehrer außer durch Reden auch durch ihr Verhalten und Handeln.

Fremdheit und Teilhabe

Wertevermittlung findet in Alltagszusammenhängen statt. Je eher ein in eine Gemeinde neu zugezogener Jugendlicher bereit ist, sich in bestehenden Vereinen, Nachbarschaften oder Initiativen zu engagieren, selbst wenn er nur begrenzt Deutsch versteht, desto leichter lernt er sich in der neuen Umgebung zu orientieren und zugehörig zu fühlen. Jugendliche, die ihre Fremdheit nur schwer überwinden können, weil ihre Religion und Kultur sie mit vielen Vorbehalten ausstattet, haben es dagegen viel schwerer sich zu integrieren. Oft sind Mädchen davon stärker betroffen als Jungen. Sie wissen nicht, wie sie sich in dem neuen Land einbringen können, ohne ihre Religion und Kultur zu verraten. In diesen Fällen hat es sich bei muslimischen Jugendlichen als sehr nützlich erwiesen, Kontakt zu einer Moschee aufzunehmen. Sehr gute Erfahrungen wurden beim Rauhen Haus damit gemacht, einen Imam, mit dem bereits ein guter Kontakt bestand, in die Bildungs- und Integrationsarbeit einzubeziehen. Seine Meinung zählt bei stark religiös orientierten Jugendlichen deutlich mehr und hilft ihnen, sich in ihrer neuen Umwelt zurechtzufinden.

Wertevermittlung ist Beziehungsarbeit

Wertevermittlung ist ein komplexes Geschehen, der ganze Alltag ist einbezogen, auch Freizeitangebote. Wir konnten in unserem Projekt der religions- und kultursensiblen Pädagogik Praxiserfahrungen sammeln, die Mut machen. Glaubensvorstellungen in die ressourcenorienterte Pädagogik miteinzubeziehen ist noch neu und ungewohnt. Es hilft aber gerade bei Jugendlichen, die religiös und neu in Deutschland sind, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Betreuern aufzubauen. Das ist die beste Voraussetzung für die Vermittlung von Werten. Im weiteren Verlauf hilft diese Beziehung gerade auch mit heiklen Fragen oder in möglichen Krisen konstruktiv mit den Jugendlichen zusammenzuarbeiten.

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