Betreuung und Bildung für Menschen in und um Hamburg.

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Lichtblicke. Geschichten aus dem Rauhen Haus.

Das Rauhe Haus ist in sehr vielen und sehr unterschiedlichen Bereichen aktiv: von der Jugendhilfe über sozialpsychiatrische Dienste und Altenarbeit bis zu einem breit gefächerten Bildungsangebot. Allen diesen Aktivitäten ist gemeinsam, dass wir es mit Menschen zu tun haben – oder genauer gesagt, dass uns Menschen am Herzen liegen; Menschen mit ihren jeweils ganz individuellen Herausforderungen, Zielen und Träumen.

Ein paar dieser individuellen Geschichten möchten wir Ihnen auf dieser Seite vorstellen. Es sind Geschichten über Menschen, die uns bewegt, froh gemacht oder auch bedrückt haben. Wie gesagt: Keine dieser Geschichten kann man so mir nichts, dir nichts verallgemeinern. Aber sie alle sagen viel darüber aus, welcher Haltung Sie im Rauhen Haus begegnen, was für Menschen hier arbeiten und mit wie viel Herzblut sie bei der Sache sind.

Über die Grenze geschaut: Geflüchtete in der Türkei

Überfüllte Flüchtlingslager und Menschen ohne Perspektive: Nachrichten wie diese prägen die Berichterstattung über die Situation geflüchteter Menschen auch in der Türkei. Doch Albert Borde, Projektleiter in der Kinder- und Jugendhilfe des Rauhen Hauses, hat bei seiner Reise dorthin auch andere Eindrücke gewonnen.

Im Rahmen eines deutsch-türkischen Fachkräfteaustausches ist Albert Borde Anfang April für einige Tage in die beiden Städte Adana und Kahramanmaraş gereist. Gemeinsam mit anderen Vertretern aus der Jugendhilfe hat er Einrichtungen und Organisationen besucht, die im Umfeld der Flüchtlingsarbeit für Jugendliche zuständig sind.

Schnelles Handeln im Umgang mit Geflüchteten
Dass die Türkei im Umgang mit den Flüchtlingen auf klare, einfache Strukturen und schnelles Handeln setzt, erfuhr die deutsche Delegation schon bei der Ausländerbehörde in Adana. Die Stadt beherbergt bei 1,3 Millionen Einwohnern 150.000 Flüchtlinge. 90 Prozent von ihnen kommen aus Syrien, das nur rund 150 Kilometer entfernt liegt. Alle Flüchtlinge würden bei der Ankunft registriert, erklärten die Mitarbeitenden im Amt. Wenn es Bekannte oder Verwandte gäbe, würde man die Menschen dort unterbringen, sonst würden sie auf die Provinzen des Landes verteilt.

Menschen aus Syrien bekommen auf Antrag eine Arbeitserlaubnis in der Türkei. Wer nicht in einem Lager wohnen möchte, kann sich eine andere Unterkunft suchen, eine Wohnung anmieten oder gar kaufen. "Es gibt durchaus auch Syrer, deren Ersparnisse es ihnen erlauben, sich in der Türkei eine neue Existenz aufzubauen", erzählt Albert Borde. So leben in der Provinz Adana von 170.000 Geflüchteten nur 20.000 Menschen in Lagern. Die Kehrseite der Freiheit allerdings ist das schwach ausgebaute Sozialsystem, das nur denen eine Unterkunft und finanzielle Unterstützung zur Verfügung stellt, die in den Lagern leben. Angebote des Gesundheitssystems, das alle Geflüchteten nutzen können, decken nur die Basisversorgung ab.

Arabisch bleibt wichtig
Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge werden bei Bekannten oder Verwandten untergebracht, wenn sie ebenfalls in der Türkei leben. Anderenfalls kommen sie in staatliche Jugendhilfe-Einrichtungen. Bei der Besichtigung einer solchen Unterkunft staunten die Reisegruppe über die fast sterile Atmosphäre. Auf vierzehn Wohnhäuser verteilt leben hier 202 Jugendliche, sechs von ihnen sind minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Immer drei bis fünf Jugendliche teilen sich ein Zimmer. Neben Hausaufgabenhilfe gibt es eine ganze Reihe von Sport- und Kreativangeboten. Für Flüchtlingskinder besteht eine generelle Schulpflicht. Beim Besuch in einer Grund- und Hauptschule erfahren die Deutschen, dass hier im Schichtdienst gearbeitet wird: Morgens kommen die türkischen Kinder, nachmittags werden syrische Kinder unterrichtet und abends sowie am Wochenende gibt es Sprachkurse und Berufsbildungsangebote für erwachsene Flüchtlinge, um diesen den Weg in ein Arbeitsverhältnis zu erleichtern. Zentrale Fächer für die syrischen Kinder sind Türkisch, Mathe und Arabisch. So können sie sich bei einer angestrebten Rückkehr in die Heimat auch dort weiter verständigen und zur Schule gehen.

Kleinstadt in Containern
Letzte Station für die deutsche Delegation war eine Unterkunft in der Stadt Kahrmanmaraş, in der eine Million Menschen wohnen. Zehn Prozent  von ihnen sind Geflüchtete. Das Lager bestand bis 2015 aus Zelten, die durch 6.200 Container ersetzt wurden. Heute wohnen in ihnen 24.000 Menschen. Ein Umzug in die Stadt ist für jeden möglich.  Doch in der Containerstadt gibt es nicht nur ein kostenloses Dach über dem Kopf, sondern auch monatlich 50 Euro pro Person als digitale Geldkarte. Das riesige Lager ist mit Supermärkten, Krankenhäusern und Sportplätzen voll ausgestattet. Rund 3.500 Bewohner fahren morgens mit dem Bus in die Stadt und arbeiten dort. Den Lohn dürfen sie behalten.

Viele der hier Lebenden sind ältere Menschen aus den ländlichen Gebieten Syriens, die nach dem Krieg wieder in die Heimat zurückkehren möchten. Auch die Jüngeren sind das durch Traditionen geprägte Landleben gewohnt und öffnen sich einigen Angeboten nur sehr zögernd.

Soziale Sicherheit versus Integration
Die Gesprächspartner sind der deutschen Delegation mit großer Offenheit begegnet. Auch in inoffiziellen Gesprächen – einige aus der Gruppe sprachen türkisch – klangen die jugendlichen und erwachsenen Geflüchteten weitgehend positiv gegenüber dem türkischen Staat und äußerten Dankbarkeit darüber, hier leben zu können. Die deutschen Fachkräfte sind mit vielen neuen Eindrücken zurückgekehrt.  Der Umgang der Türkei mit den Menschen aus Syrien macht Albert Borde nachdenklich. Er sieht die soziale Sicherheit, in der geflüchtete Menschen in Deutschland leben, nicht nur positiv. „Teilhabe und Integration werden vielleicht eher durch ein System gefördert, wie es in der Türkei praktiziert wird, wenn die Menschen entscheiden können, ob sie mit deutlich weniger Versorgungsleistungen durch den Staat, dafür aber eigenverantwortlich leben und arbeiten möchten." 

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Master-Studium neben dem Beruf

Sarah Markulin möchte immer gern wissen, wie Dinge funktionieren. „Ich möchte mich auskennen in meinem Feld“, sagt die 27-Jährige. Dennis Lehmann will als Leiter einer Kindertagesstätte seine Arbeit gestalten und weiter professionalisieren. Deshalb haben sich die beiden für den  neuen berufsbegleitenden Master-Studiengang an der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie entschieden, der im Sommer 2016 begonnen hat.

„Alle dreißig Studienplätze waren gleich belegt“, sagt Prof. Kathrin Hahn stolz. Die Dozentin hat den Studiengang maßgeblich mitentwickelt und ist begeistert, wie gut sich die erste Gruppe hält. „Wir wollen Studierende, die kritisch sind und nachfragen.“ Die Studierenden sind meistens bereits hoch qualifiziert. Einige haben Universitätsabschlüsse, manche schon einen Mastergrad. „Es gibt auch Quereinsteiger, die unseren Studiengang als Einstieg in die Arbeit im sozialen Feld nutzen. Unsere Studierenden wollen Verantwortung übernehmen.“

Theorie und Praxis verbinden
Dennis Lehmann hat das in seinem Beruf bereits erreicht. Der 34-Jährige leitet seit April 2015 die Kita Nordstern in Hamburg-Schnelsen. Für ihn ist der flexible Studiengang ideal, um ihn mit seiner Arbeit zu vereinbaren. Er hat die Wahl, wie viele Module er pro Semester belegt und bestimmt damit auch die Länge seines Studiums. Wenn die dreijährige Tochter abends im Bett liegt, muss der Familienvater noch mal an den Schreibtisch. „Ein grundständiger Studiengang kam für mich nicht in Betracht“, erklärt er.

Auch für Sarah Markulin ist es wichtig, das Studium neben ihrer Arbeit schaffen zu können, nicht zuletzt wegen der Finanzierung, die sie über ihre Beschäftigung in der Kinder- und Jugendhilfe des Rauhen Hauses sichert. Dort ist sie in der ambulanten Familienhilfe tätig. Dreieinhalb Jahre wird das Masterstudium dauern. „Ich wollte mich verändern, Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit besser verbinden“, sagt sie.

Gesucht: gut ausgebildete Leitungskräfte
Zwei Vertiefungsrichtungen bietet der berufsbegleitende Master-Studiengang an: Ethik und Management sowie Sozialraumorientierung. „Vor allem die erste trifft auf großes Interesse, denn bei Einrichtungen ist der Bedarf an eigenen Leitungskräften groß“, weiß Prof. Kathrin Hahn. 

Das gefällt auch Sarah Markulin gut. Sie studierte nach dem Abitur Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Universität Hamburg – „Theologie hatte ich als Nebenfach“ – und findet, dass dies ein guter Überbau ist, aber wenig mit ihrer Arbeitspraxis zu tun hatte, die sie unter anderem in einem Job in Familien mit behinderten Kindern sammeln konnte. Auch Dennis Lehmann kam aus der Praxis zum Studium. Er schätzt die Praxisnähe der Hochschule, aber auch die Möglichkeit, in der empirischen Sozialforschung Fragen nachgehen zu können.

Professionalisierung in vielen Feldern
„Soziale Arbeit verändert sich. Das Studium qualifiziert unsere Studierenden dafür“, ist sich Prof. Kathrin Hahn sicher. Davon gehen auch Dennis Lehmann und Sarah Markulin aus. „Mehr Professionalisierung, auch für neue Felder, die es so vielleicht noch gar nicht gibt“, erhofft sich der Kita-Leiter. Für Sarah Markulin ist wichtig, Verbindungen zu schaffen, gut vernetzt zu sein und zu verstehen, wie Kooperationen und Sozialraumorientierung gelingen können. „Erst die Praxis hat mich Fragen stellen lassen, weil ich da erst die Stolpersteine gesehen habe“, hat die junge Frau gelernt. Das Studium, so glaubt sie, wird es ihr möglich machen, diese Stolpersteine aus dem Weg zu räumen.

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See you in der MOTTE

Ben und Karina sind mit Rolli und Einkaufstaschen unterwegs. Tomaten und Zwiebeln gibt es am Gemüsestand, Mehl und Hefe im Supermarkt. Die beiden freuen sich schon auf die Pizza, die sie mit den anderen aus der Gruppe backen wollen.

Gemeinsam losziehen, um die Zutaten für ein leckeres Essen einzukaufen, ist für Jugendliche mit Behinderungen keine Selbstverständlichkeit. Im Jugendclub des Rauhen Hauses jedoch, der über Spenden finanziert wird, ist das möglich. "Ich finde es super, die anderen hier zu treffen und zusammen unterwegs zu sein", erzählt Ben, der zu den Stammgästen gehört. Jeden Freitag treffen sich  im Stadtteil- und Kulturzentrum MOTTE im Hamburger Stadtteil Ottensen junge Menschen mit Behinderungen, um ihre Freizeit gemeinsam zu gestalten. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Hamburger Stadtteilen. Da ihre Schulen und Werkstätten oft ein sehr großes Einzugsgebiet haben und sie weit auseinander wohnen, sind Einrichtungen wie der Jugendclub für sie sehr wichtig.

"Menschen mit Behinderungen erleben viel Fremdbestimmung", erklärt Juliane Klemme, die die Jugendlichen hier im Club betreut. "Schule, Arbeit und Therapien werden meist von anderen geplant. Eine selbständige Lebens- und Freizeitgestaltung ist schwierig, da sie meist einen hohen Betreuungs- und Begleitaufwand erfordert und nicht ohne weiteres finanzierbar ist." So ist dies ein guter Ort für die Jugendlichen, um zu lernen, die eigenen Wünsche umzusetzen.

Kochen, backen, malen? Gern auch gern inklusiv.
In der MOTTE findet täglich ein Jugendtreff statt. Da die Räumlichkeiten gemeinsam genutzt werden, kochen, essen und spielen die beiden Jugendtreffs manchmal auch gemeinsam. Berührungsängste und Vorurteile bestanden zu Anfang eher von Seiten der nichtbehinderten Jugendlichen; sie haben sich dann aber schnell gelegt. Und was steht freitags noch auf dem Plan? "Bei uns gibt es kein fertiges Programm", erklärt Juliane Klemme. "Wir begleiten die Jugendlichen beim Umsetzen ihrer Ideen." Hierzu gehört auch die Diskussion in der Gruppe über die gemeinsamen Aktionen. Karina freut sich immer auf das Treffen in der MOTTE: "Ich mag es, meine Freunde hier zu sehen. Wir können zusammen kochen, basteln oder spielen. Und es ist cool, dass es hier einen Tischkicker gibt." Sehr beliebt sind auch Ausflüge in die Umgebung, zum Altonaer Balkon oder gemeinsame Einkäufe im lebhaften Einkaufszentrum Mercado.

Ab und zu wird eine Jugenddisco veranstaltet, zu der manchmal ganze Schulklassen aus allen Teilen der Stadt kommen, denn ein solches Angebot gibt es für Jugendliche mit Behinderungen sonst nirgendwo in Hamburg. Die Mitarbeiter genießen das Vertrauen der Eltern, so dass diese ihre Kinder allein in die Disco gehen lassen. Und die Jugendlichen können wie andere Jugendliche auch eine Party ohne elterliche Aufsicht feiern. Das schätzen sie sehr. 

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Recht auf Autonomie oder Recht auf Hilfe?

„Man merkt  ja selbst, wenn etwas nicht stimmt“, sagt Reiner Ott. „Wenn man zum Beispiel so antriebslos ist, dass der Weg zur Dusche schon unendlich weit scheint.“ Um sich in einer depressiven Phase aber Hilfe zu holen, dafür reicht die Kraft bei psychisch Kranken manchmal nicht mehr aus. So ging es auch Reiner Ott.

Erst nach einem versuchten Suizid kam er 2004 in die Psychiatrie. Einige Jahre lang war er anschießend „Drehtürpatient“: Immer wieder musste er für einige Monate stationär betreut werden. Heute hat sich sein Zustand stabilisiert, mittlerweile arbeitet Reiner Ott als Genesungsbegleiter im Bereich Sozialpsychiatrie des Rauhen Hauses und engagiert sich für eine Ausweitung psychiatrischer Hilfsangebote, insbesondere die aufsuchende Betreuung psychisch Kranker.

Gravierende Lücke
Gerade schwer kranke Menschen, die sich nicht selbst helfen können oder die ihre Hilfsbedürftigkeit nicht erkennen können, würden vom aktuellen psychiatrischen Versorgungssystem nicht erreicht, erklärt Ott. Diese Lücke monieren nicht nur Betroffene, sondern auch Angehörigenverbände, die in der Fachwelt Unterstützung finden, wie eine Tagung im Rauhen Haus am 27. Mai gezeigt hat. Mit Hinweis auf die Autonomie des kranken Menschen lehnen staatliche Stellen eine Behandlung oder Unterstützung häufig ab, wenn der Patient nicht zustimmt. Doch die Folge sind nicht selten eine Eskalation des Zustands mit Zwangseinweisung, Einweisung in die Forensik oder auch eine deutliche Verschlechterung der sozialen Situation. Die Menschenwürde, die man mit Rücksicht auf die Autonomie des Einzelnen nicht verletzen möchte, wird aber gerade durch das Nicht-Eingreifen gefährdet. Darauf macht ein Aufruf des Angehörigenverbands Hamburg aufmerksam.

Sanftes Stalken
Wenn jemand selbst Hilfe sucht, würden viele Maßnahmen greifen, erläuterte Gudrun Schliebener, Vorsitzende des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen im Rahmen der Tagung. Wenn jemand aber keine Hilfe anfordern könne, würden die Kranken sich selbst überlassen. Was fehle, sei eine engmaschige, niederschwellige und aufsuchende Begleitung, um die Zustimmung eines Kranken zu einer Hilfe zu erreichen. Reiner Ott findet den Ausdruck „sanftes Stalken“, den einer der Tagungsreferenten dafür gebraucht hat, sehr passend. Als Genesungsbegleiter übernimmt er selbst ab und zu diese Funktion. „Wir signalisieren, dass wir da sind, dass es Hilfsangebote gibt und dass uns jemand nicht egal ist – das kann eine große Hilfe sein.“

Zwanglos überzeugen
Solche Strukturen müssen ausgebaut werden, da sind sich die Tagungsreferenten einig. In Hamburg gibt es bisher keinen 24-Stunden-Notdienst der Sozialpsychiatrie. Die sogenannte integrierte Versorgung ist zu hochschwellig, es muss zum Beispiel ein stationärer Aufenthalt vorausgegangen sein. Für Hilfsbedürftige bleibt oft nur der Weg in die Notaufnahme der Psychiatrie und hier gibt es viele Vorbehalte. Reiner Ott, der bei einer seiner stationären Aufenthalte eine Zwangsbehandlung mit Fixierung erlebt hat, kann das verstehen. Im Anschluss an den damaligen Aufenthalt in der Psychiatrie hatte er das Vertrauen zu psychiatrischer Hilfe für einige Zeit gänzlich verloren.

 

Austarieren von Interessen
Auch Wolfgang Bayer, Leiter des Stiftungsbereiches Sozialpsychiatrie, wies in seinem Vortrag darauf hin, dass ambulante Hilfen zwar in Zusammenhang mit der Maßgabe „ambulant vor stationär“ ausgebaut worden seien, dass dabei aber intensiv unterstützende Hilfen tendenziell vernachlässigt worden seien. Hier könne sich die Sozialpsychiatrie gemeinsam mit Psychiatrie-Erfahrenen und Angehörigen engagieren, das Thema der Nicht-Versorgten an Politik und Verwaltung gemeinsam heranzutragen. In der Begleitung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sei die Rolle der Sozialpsychiatrie, dort zu vermitteln, wo deren Wünsche und Ziele nicht oder nur begrenzt zu erreichen seien, „was allein schon immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen unserer professionellen Sichtweise und den Erwartungen, Wünschen und Zielen der jeweiligen Klienten/innen führt“, erklärte Bayer. Aber das Austarieren von Interessen, Bedürfnissen und Rechten sei in einem Auseinandersetzungsprozess der einzige Weg. 

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Comeback. Ein Weg nach vorn.

Wenn Jama morgens in die Schule kommt, gibt es zunächst einmal Frühstück in kleiner Runde. Das gemeinsame Ritual ist für die Schülerinnen und Schüler bei Comeback ebenso wichtig wie die Beschäftigung mit Mathe, Deutsch und Englisch.

Der 15-Jährige, der mit vollem Namen Jamaludin heißt, schätzt die Atmosphäre hier sehr: „Wir haben Spaß miteinander und man gehört einfach dazu.“ Für die Mädchen und Jungen am Tisch ist das keine Selbstverständlichkeit. Viele waren bisher Außenseiter, sie alle gelten als Schulverweigerer. Für einige von ihnen ist Comeback der „letzte Versuch“, einen Schulabschluss zu machen nach Schulwechseln, Phasen des Fernbleibens, Gesprächen und erneutem Schwänzen. Die Gründe sind vielfältig: Leistungsdruck, Versagensängste, Depressionen oder auch Mobbing.

Wer nicht mitkam, hatte verloren
Jama hatte beim Lernen in der Schule Schwierigkeiten, irgendwann war er innerlich ausgestiegen, dann ging er nicht mehr hin. „Dort muss man einfach immer mitkommen, sonst hat man verloren“, erzählt der lebhafte Junge und fährt sich mit den Fingern durch die dunklen Haare. „Ich kam dann auch noch mit den falschen Leuten zusammen und habe irgendwann nur noch geschwänzt. Als ich 14 wurde, war es so extrem, dass ich über das Jugendamt hierhergekommen bin.“

Bei Comeback arbeiten Sozialpädagogen der Kinder- und Jugendhilfe des Rauhen Hauses zusammen mit Lehrkräften der Wichern-Schule wie Arne Feddersen. „Die Lehrpläne sind ausgerichtet auf den individuellen Wissensstand der Schüler", erklärt der engagierte Lehrer mit der Brille. Zwar findet der Unterricht überwiegend in den Räumen von Comeback statt, doch wer an dem Projekt teilnimmt, ist damit auch Schüler der Wichern-Schule. Für jemanden wie Jama, der in der Regelschule auch durch die vielen Fehlzeiten längst nicht mehr mithalten konnte, ist das ideal: „Früher hatte ich an den Schulfächern kein Interesse mehr. Hier kann ich mich mit den Wissenslücken beschäftigen und es macht mir sogar wieder Spaß, in Mathe oder Deutsch etwas Neues zu lernen.“ 


Die Eltern sind wichtig
Nicht immer gelingt es, den Jugendlichen neue Perspektiven zu ermöglichen und sie zu begleiten. Projektleiterin Anja Bödeker ist Psychologin und systemische Beraterin. Momentan macht sie noch eine Zusatzausbildung zur Kinder- und Jugendtherapeutin. Zu den Jugendlichen im Projekt hat sie durch die regelmäßigen, ausführlichen Gespräche einen nahen und guten Kontakt. „Das ist etwas, was ich sehr mag an meiner Arbeit“, erzählt sie. „Andererseits fällt es auch schwer zu sehen, dass wir manchmal nicht helfen können. Auch unser Einfluss hat ja Grenzen. Die meisten Eltern sind erleichtert, wenn sie einen Platz für ihr Kind bei uns finden. Dann ist eine vertrauensfördernde Kommunikation wichtig. Aber es gibt auch Eltern, mit denen eine Zusammenarbeit nicht möglich ist, dann kann unsere Hilfe auch mal scheitern.“

Viele schaffen den Schulabschluss
Ziel von Comeback ist, dass die Jugendlichen erst stundenweise, später möglichst ganz am Unterricht in der Wichern-Schule teilnehmen. Projektleiterin Anja Bödeker erzählt, dass momentan vier von ihren 12 Schülern regelmäßig nach drüben gehen. Das ist allerdings keine Voraussetzung, um den ersten Schulabschluss machen zu können. „Ob drüben oder hier bei uns: Viele Jugendliche, die bisher am Projekt teilgenommen haben, haben die Prüfungen bestanden.“

In einem Jahr könnte auch Jama den Abschluss machen. Anschließend würde er am liebsten für ein Jahr nach Japan gehen. „Seitdem ich die Anime kenne, die japanischen Zeichentrickfilme, interessiere ich mich für das Land.“ Er zögert und fährt dann fort: „Ich kann mir vorstellen, dass ich danach den mittleren Bildungsabschluss mache und vielleicht sogar irgendwann das Abi. Ich würde beruflich nämlich gern in Richtung Therapie gehen. Mit Menschen kann ich eigentlich gut und mir macht das Spaß.“

Gutes Klima bei Comeback
Für eine solche Perspektive braucht es Mut, Vertrauen und eine gute Begleitung. Anja Bödeker freut sich über die positive Haltung, auch sie schätzt die Herzlichkeit, mit der Jama den anderen in der Gruppe begegnet. Die Schülerinnen und Schüler, die aktuell im Projekt betreut werden, sind sehr engagiert: „Einige haben durchaus das Zeug dazu, Abitur zu machen“, sagt sie. Auch den Alltag gestalten die Jugendlichen aktiv mit. Ihre Vorschläge werden miteinander in der Comeback-Gruppe diskutiert. Im sozialen Miteinander erfahren sie, dass sie sich auseinander setzen müssen, aber auch, dass sie aufeinander zählen können. Das weiß auch Jama. Er nimmt zwei Kekse aus der Packung auf dem Tisch und erklärt: „In der Regelschule wäre jeder Keks eine Gruppe. Du kannst entweder zu dieser oder zu der da gehören ober bist allein. Hier bei uns ist jeder ein Keks und alle mögen sich.“

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Bis hierhin und nicht weiter.

Sich an der Haustür eine Spende abschwatzen lassen, ungewollte Berührungen dulden oder hilflos daneben stehen, wenn sich jemand an der Kasse vordrängelt: in solchen Momenten wissen viele Menschen nicht, wie sie reagieren sollen. Für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten ist es aber oft eine besondere Herausforderung, selbstbewusst aufzutreten und die eigenen Wünsche deutlich zu machen. Für sie bieten die Pädagogen Sandra Pezzino und Achim Hansen, die beide im Ambulanten Dienst Kaltenkirchen im Rauhen Haus tätig sind, das Selbstbehauptungstraining „Ja, ich kann!“ an. Der Regenbogen e.V. stellt in Kaltenkirchen einen Seminarraum für das Angebot zur Verfügung.

„Oft ist es schon wichtig, nein sagen zu können“, erzählt Sandra Pezzino, die eine Weiterbildung zur Social-Conflict- und Social-Competence-Trainerin absolviert hat. „Übungen, um sich abzugrenzen, sind allerdings nur ein Teil unseres Trainings. Zum Thema Selbstbehauptung gehören auch Bereiche wie Körpersprache, Selbst- und Fremdwahrnehmung und der individuelle Umgang mit Konflikten, der häufig mit der eigenen Biografie zu tun hat.“

Die Gruppe macht Rollenspiele und andere Übungen, um die soziale Kompetenz zu stärken. Sie lernen, die eigenen Grenzen auszuloten und darauf zu achten, dass sie respektiert werden: „Bis hierhin und nicht weiter. Das zu spüren ist wichtig, sowohl bei körperlicher Nähe als auch bei verbalen Angriffen“, erklärt Achim Hansen, der sich als Motologe auskennt mit dem Zusammenspiel zwischen Psyche und Bewegung. Gemeinsam mit Sandra Pezzino entwickelt er mit den Teilnehmern alternative Verhaltensweisen, um schwierige Situationen besser zu meistern. Hilfreich ist auch der Aufbau eines Netzwerkes, über das eine gegenseitige Unterstützung gefördert werden kann.

Initiiert hatte Heiko Ehwald das Training. Er ist als Hilfeplaner in der Eingliederungshilfe im Kreis Bad Segeberg tätig und mit den täglichen Problemen der Betreuten vertraut. Viele von ihnen leben in Brennpunkt-Gebieten, in denen gewalttätige Auseinandersetzungen an der Tagesordnung und auch Drogen im Umlauf sind, erzählt Elisabeth Krug, Teamleitung im Ambulanten Dienst des Rauhen Hauses in Kaltenkirchen. „Diesem Alltag müssen sie sich stellen können“, erklärt sie und freut sich, dass der Kurs, der an drei Terminen im Oktober, November und Dezember stattgefunden hat, nicht nur ausgebucht war, sondern in diesem Jahr erneut angeboten werden kann, finanziert über eine Einzelfallhilfe durch den Kreis Segeberg.

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Bürgerfest: Zu Gast im Schloss Bellevue.

Als Ivan Wittfoot im Sommer ein ungewöhnlich dickes Kuvert im Briefkasten fand, hielt er es zunächst für eine Werbesendung. „Ich wollte den Umschlag schon wegwerfen, wurde dann aber doch neugierig“, amüsiert er sich. Die Überraschung war groß, als er das Siegel des Bundespräsidenten sah und entdeckte, dass es sich um eine Einladung zum Bürgerfest ins Schloss Bellevue am 9. September handelte. „Da war ich erstmal platt!“ Grund für die Einladung: Seine ehrenamtliche Mitarbeit im Sozialkaufhaus des Rauhen Hauses Ran & Gut! in Kaltenkirchen. Seit 2012 lädt der Bundespräsident jährlich rund viertausend Gäste ein, die sich ehrenamtlich engagieren.

Freiwillig arbeiten? Klar!
Eigentlich hat Ivan Wittfoot einen begleiteten Arbeitsplatz im Kulturhaus Bienenkorb auf dem Gelände des Rauhen Hauses. Doch wenn er Urlaub hat, hilft er zusammen mit anderen Freiwilligen gern im Kaufhaus Ran & Gut!, das er durch ein Praktikum vor zwei Jahren kennengelernt hat. „Ich habe mich da einfach sofort wohl gefühlt“, erklärt er. Damit war die Sache für ihn klar. Im Rahmen der Woche für Inklusion vor rund einem Jahr hatte Ivan Wittfoot beim Senatsempfang im Hamburger Rathaus von seiner Tätigkeit erzählt. Detlef Boie, Leiter des Bereiches Arbeitsbegleitung und Kultur, hatte ihn später ins Gespräch gebracht als Gast beim Bürgerfest des Bundespräsidenten. Boie setzt sich mit dem Arbeitskreis „Selbstverständlich freiwillig“ seit Jahren dafür ein, dass sich auch Menschen mit Behinderung freiwillig engagieren können.

Buntes Programm mit kulinarischen Highlights
Gemeinsam mit Gundula Busch, einer Mitarbeiterin aus der Arbeitsbegleitung, stieg Ivan Wittfoot am 9. September in den Zug nach Berlin. Trotz des überraschend heißen Wetters trug er den in der Kleiderordnung angegebenen dunklen Anzug mit Hemd und Weste. Besonderes Accessoir: Eine nicht gerade unauffällige pinkfarbene Umhängetasche. Zwar hat er sich geärgert über die Gäste, die „einfach so“ in Shorts und T-Shirt angereist waren, aber das Programm und das große Angebot an kulinarischen Leckereien waren eine gute Entschädigung für die Hitze. „Zur Rechten gab es Häppchen mit Kaviar, zur Linken reichte man uns Getränke“, schwärmt er. „Dann war ich immer wieder am Stand mit der leckeren Cola aus der ehemaligen DDR, von denen habe ich sogar noch eine Flasche für die Rückfahrt mitbekommen.“ Durchs Programm führte sein Lieblingsmoderator Jörg Pilawa, es gab feierliche Ansprachen und Dank vom Bundespräsidenten für die Arbeit der Ehrenamtlichen.

Auf Tuchfühlung mit der Kanzlerin
Einziger Wermutstropfen: Die Einladung galt nicht über Nacht, so dass die beiden Rauhhäusler schon am Freitagabend wieder abreisen mussten. „Ich hätte mir ja gerne noch den Auftritt von Deichkind im Schlosspark angeschaut, dazu noch kostenlos“, bedauert Wittfoot. Einen Faux-pas hatte es auch gegeben: Im Gedränge hatte er einen Schubs bekommen und war so jemandem auf den Fuß getreten. Nicht irgendjemandem, sondern Bundeskanzlerin Angela Merkel! „Aber sie hat gleich bemerkt, dass ich ja nichts dafür konnte“, erzählt er schmunzelnd.

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Gut für die Seele.

Im Hamburger Osten in Mümmelmannsberg gibt es seit kurzer Zeit ein Beratungscafé für Menschen, die in seelischer Not sind. Die Großsiedlung ist mit psychiatrischer Versorgung nicht ausreichend ausgestattet. Das Beratungscafé, in dem die Mümmelmannsberger einfach vorbeikommen können, wird von zehn Trägern gemeinsam angeboten. Das Rauhe Haus gehört dazu.

Immer donnerstags von 14 bis 17 Uhr sind zwei Kolleginnen und Kollegen in den Räumen des Evangelischen Gemeindezentrums Mümmelmannsberg vor Ort. Bei einem Kaffee oder Tee kann man einfach ins Gespräch kommen. „Unsere Beratung ist ganz niedrigschwellig angesetzt und leicht zugänglich“, sagt Mareike Rehhagen von ABeSa, einem der beteiligten Träger. Und: „Die Kolleginnen und Kollegen, die das Beratungscafé machen, sprechen verschiedene Sprachen wie Englisch, Französisch und Spanisch sowie Farsi, Dari, Twi, Russisch und Türkisch.“ Die ersten Nachmittage haben mit guter Beteiligung stattgefunden.

Wolfgang Bayer, der den Stiftungsbereich Sozialpsychiatrie im Rauhen Haus leitet, weiß, wie wichtig die multikulturelle Besetzung des Cafés ist: „Wir brauchen die Sprachkenntnisse und auch das Wissen um die jeweiligen kulturellen Hintergründe,“ sagt er. „Wie werden in der anderen Kultur die Erscheinungsformen von psychischen Erkrankungen interpretiert? Da ist es gut, wenn ich nicht nur die Sprache verstehe, sondern auch die Kultur kenne, wie mit psychischen Erkrankungen umgegangen wird.“

Oft genug machen Bescheide von Ämtern oder Arztberichte seelischen Druck, wenn man sie nicht versteht. Ein kleines Gespräch beim Kaffee kann ihn nehmen.

Die zehn Träger haben mit großem Einsatz innerhalb eines halben Jahres das Angebot aus der Taufe gehoben. Die Evangelische Kirchengemeinde Mümmelmannsberg stellt ihre Räume zur Verfügung. Zu den Initiatoren gehören ABeSa Ambulante Hilfen, das BHH Sozialkontor, B&S Soziale Dienste, Das Rauhe Haus, Der Begleiter e.V., das DRK Hamburg, die Hamburgische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung, die Johann-Wilhelm-Rautenberg-Gesellschaft e.V., Op de Wisch e.V., die Psychiatrische Tagesklinik Mümmelmannsberg, der Sozialpsychiatrische Dienst Hamburg-Mitte und die Vereinigung Pestalozzi.

Seelische Gesundheit - Beratung und Café
Donnerstags, 14 – 17 Uhr
Gemeindezentrum Mümmelmannsberg
Havighorster Redder 50, 22115 Hamburg
U2 Mümmelmannsberg

Die große Siedlung im Hamburger Osten
In Mümmelmannsberg leben rund 18.000 Menschen auf 2,8 Quadratkilometern. In den 1970er Jahren wurde es als neue Großsiedlung erbaut und gehört zu Billstedt – einem sehr hamburgischen und gleichzeitig auch sehr multikulturellen Stadtteil. Knapp die Hälfte der Billstedter haben einen Migrationshintergrund. Gleichzeitig ist in Billstedt die ärztliche Versorgung schlechter als in anderen Stadtteilen. Rund 120 Ärzte versorgen 100.000 Menschen. Mittlerweile ist das Hamburger Modellprojekt INVEST Billstedt/Horn angelaufen, das ab 2017 mit bis zu 6,3 Millionen Euro eine integrierte gesundheitliche Versorgung mit aufbaut. Ein breites Bündnis von Gesundheitsmanagern, Krankenkassen, Praxen, Kliniken, Wissenschaft und Unternehmen bilden die Basis.

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Projekt der Behindertenhilfe: Wir sind die Neuen!

Wenn Maren Röse in der Wendenstraße aus dem Fenster schaut, dann sieht die Sozialpädagogin vor allem eines: "Hier sind wir mitten im Gewerbe, hier ist Arbeit." Das ist auch der Grund, warum die Behindertenhilfe des Rauhen Hauses sich mit einem neuen Arbeitsprojekt zwischen Autohäusern und Bürogebäuden, Werkshallen und IT-Unternehmen angesiedelt hat.

"Wir möchten den umliegenden Betrieben unsere Arbeit anbieten", erklärt Maren Röse. Bis zu 15 Menschen mit Behinderungen sollen im Gewerbegebiet in Hamm in Zukunft in und für Unternehmen tätig sein. Damit das gelingt, knüpfen die Mitarbeiter des Rauhen Hauses Kontakte zu den umliegenden Firmen und stellen das Arbeitsprojekt vor.

"Wir schauen uns die Unternehmen an und erarbeiten gemeinsam Ideen, was wir anbieten können", erklärt Maren Röse. Dabei wollen sie nicht in Konkurrenz zu bisherigen Jobs treten, sondern neue Angebote schaffen, die für die Firmen einen Mehrwert bieten. Fensterputzen, Demontage, Botengänge, Kopierarbeiten – leichte manuelle Tätigkeiten kann Maren Röses Truppe leisten, stundenweise und begleitet von Mitarbeitenden des Rauhen Hauses.

Im Arbeitsprojekt gibt es darüber hinaus eine Menge Ideen, was man anbieten kann. "Zum Teil können wir in unseren Räumlichkeiten arbeiten und wir liefern bei den Unternehmen zu", sagt sie. Mit einigen Tätigkeiten sind die Beschäftigten durch ihre bisherige Aufgaben gut vertraut. In dem rund 200 Quadratmeter großen barrierefreien Büro, das unter anderem Arbeitsplätze in der Papierverarbeitung, der Buchherstellung und im Büro anbietet, könnten zum Beispiel Geschenkartikel oder Papierprodukte gefertigt werden. "Wir können Speisenkarten fertigen und laminieren oder kleine Bücher herstellen."

Die Unternehmen, die sich auf das kleine Experiment einlassen, gewinnen mehr als einen neuen engagierten Mitarbeiter. "Menschen mit Behinderungen verändern das Betriebsklima", weiß Maren Röse. Rücksichtnahme, Toleranz und Respekt gehören auf beiden Seiten dazu – so kann sich eine Unternehmenskultur spürbar verbessern.

Wer im Arbeitsprojekt dabei sein will, der muss flexibel sein, sich auf neue Situationen und andere Menschen einstellen können und mobil sein. Der Weg von der nächsten U-Bahn-Station ist weit, die Umgebung für die meisten fremd und ungewohnt. "Damit müssen wir alle erst mal zurechtkommen", weiß Maren Röse.

Die Nachbarn haben freundlich und mit großem Interesse auf die Neuen in der Wendenstraße reagiert. Zweimal in der Woche gehen sie in den Imbiss um die Ecke zum Essen. "Da sitze dann alle zusammen: Handwerker im Blaumann, Büroleute im Anzug – und wir mittendrin!"

 

Drei Fragen an Detlef Boie, der den Bereich Arbeit & Kultur in der Behindertenhilfe des Rauhen Hauses leitet

Was ist neu am Arbeitsprojekt in der Wendenstraße?

Die Herausforderung ist Inklusion in einen „exklusiven“ Arbeitsmarkt. Unsere Frage lautet nicht in erster Linie, wie unterstützen wir Menschen mit Behinderung, damit sie in die Arbeitswelt „passen“, sondern wie unterstützen wir die Arbeitswelt, damit sie die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung nutzen kann.

Wie kann das gelingen?

In der Wendenstraße wollen wir dreierlei erreichen. Wir wollen Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten direkt bei Arbeitgebern wirksam werden zu lassen. Wir möchten Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen und Fähigkeiten gemeinsam beruflich weiterbilden und bei Arbeitgebern vorstellen. Und wir haben es uns zum Ziel gesetzt, Menschen Übergänge in Werkstätten und Arbeitsprojekte zu ermöglichen und sie so vorzubereiten auf den sogenannten Berufsbildungsbereich (BBB).

Wie ist die langfristige Perspektive für den Bereich Arbeit in der Behindertenhilfe?

Unser Ziel ist es, Arbeitgeber wie die Schiffszimmerergenossenschaft zu finden, die kleine Gruppen von Menschen bei sich mitwirken lassen. So können sie sich gegenseitig unterstützen und zuverlässiger ihre Arbeit durchführen.

 

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Hospizdienst: Begleitung auf dem letzten Weg.

Für Sterbende und ihre Angehörigen da sein, ihre Ängste, ihre Trauer teilen und die Situation mit ihnen gemeinsam aushalten, dieser Aufgabe stellen sich ehrenamtlich tätige Hospizbegleiterinnen und -begleiter. Drei Ambulante Hospizdienste der Diakonie Hamburg laden ein zu einem Informationsabend am 6. Dezember. Willkommen ist jeder, der sich für die Arbeit des Hospizdienstes oder auch für eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter interessiert. Bitte melden Sie sich an.

Der nächste Kurs dafür startet am 27. Januar 2017 in der Ev. Berufsschule für Pflege. Die Ausbildung umfasst ca. 100 Stunden, in denen die Begleiter auf den Umgang mit schwerkranken Menschen und ihren Familien vorbereitet werden. Die Hospizbegleiter treffen sich regelmäßig zum Austausch und werden professionell unterstützt. Jemanden in der letzten Lebensphase zu begleiten, das kann heißen: zuhören, letzte Wünsche erfüllen oder einfach da sein.

Eigene Erfahrungen mit Sterben und Tod
Doch was bringt jemanden dazu, sich intensiv mit dem Thema Tod und Sterben auseinander zu setzen und fremde Menschen zu besuchen, um ihnen auf dem letzten Weg beizustehen: Fragen, die die Ehrenamtlichen immer wieder hören und auf die es mehr als eine Antwort gibt, wie Marina Schmidt, Leiterin der ambulanten Hospizdienste im Hamburger Osten und in Winterhude, berichtet: "Eigene Erfahrungen mit dem Tod im Familien- und Bekanntenkreis verstärken häufig den Wunsch, sich in diesem Bereich zu engagieren", erklärt Marina Schmidt. "Manche möchten gern so für andere da sein, wie er oder sie es in einer schweren Zeit selbst erlebt hat." Für viele sei die Zeit mit den Sterbenden und ihren Angehörigen auch von einer häufig kaum gekannten Intensität und Aufrichtigkeit geprägt, die sie als sehr positiv wahrnehmen. "Die Begleiterinnen und Begleiter haben die Möglichkeit, etwas zu geben und empfinden die Begegnungen als etwas, was sie bereichert."

Einfach da sein
Für die Arbeit als Hospizbegleiterin oder -begleiter sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Ziel des Kurses ist es, eine Haltung zu entwickeln, die sich an den Bedürfnissen der sterbenden Menschen, ihrer Würde und Selbstbestimmung orientiert. Wichtig sei, für die Betroffenen da zu sein und ihre Angehörigen ein Stück weit zu entlasten, erzählt Marina Schmidt. Ehrenamtliche Hospizarbeit ergänzt die medizinische und pflegerische Begleitung und arbeitet vernetzt mit allen an der Betreuung beteiligten Professionen. Neben Themen wie Trauer und Schmerz geht es im Kurs auch um bösartige Erkrankungen, um eine aufmerksame Wahrnehmung und Wege der Kommunikation.

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Ambulanter Hospizdienst
im Hamburger Osten

Ansprechpartnerin:
Marina Schmidt

Horner Weg 190
22111 Hamburg
Tel. (040) 65 90 87 40
Fax (040) 65 90 8744
schmidt(at)bodelschwingh.com

Demo: Teilhabe - jetzt erst Recht!

Aus dem Rauhen Haus hatte sich eine 20-köpfige Gruppe aus dem Rauhen Haus auf den Weg nach Berlin gemacht, um auf einer Demo für ihre Rechte einzutreten. Die Klientinnen, Klienten und Mitarbeitenden aus dem Stiftungsbereich Sozialpsychiatrie demonstrierten am 7. November vor dem Reichstag gemeinsam mit rund 5000 weiteren Menschen für Verbesserungen an dem neuen Bundesteilhabegesetz.

Das BTHG ist ein geplantes Gesetz, das die Leistungen für Menschen mit Behinderung neu regelt. Dadurch sollen die derzeitigen rechtlichen Regelungen im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) reformiert, aus der Sozialhilfe herausgelöst und zu einem modernen Teilhaberecht weiterentwickelt werden. Das BTHG soll noch im Jahr 2016 im Deutschen Bundestag (und Bundesrat) verabschiedet werden. Ziel ist es, die Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung zu stärken. Im aktuellen Gesetzentwurf stehen aber noch viele Regelungen, die aus Sicht der Fachverbände keinesfalls akzeptiert werden können, da sie zu Verschlechterungen für die Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen führen würden.

Die Diakonie Deutschland und der Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB) fordern den Gesetzgeber auf, das geplante Bundesteilhabegesetz in elementaren Kernpunkten deutlich zu verbessern. "Es kann nicht sein, dass das Bundesteilhabegesetz durch manche Regelungen hinter das derzeit geltende Recht zurückfällt", kritisiert Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. "Menschen mit Behinderung benötigen Leistungen der Pflegeversicherung und  Teilhabeleistungen der Eingliederungshilfe. Ein Entweder-oder, abhängig davon, wie und wo die Betroffenen wohnen und ob sie erwerbstätig sind, darf es nicht geben. Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf werden so in die Pflege gedrängt. Das ist hochproblematisch und wird dem Teilhabeanspruch nicht gerecht."

Mechthild Rawert (SPD) nahm stellvertretend für die Abgeordneten des Deutschen Bundestags die sechs Kernforderungen der Fachverbände für Menschen mit Behinderung entgegen. Sie dankte aus Sicht der Politik für das Engagement der rund 5000 Teilnehmenden, die aus ganz Deutschland angereist waren. Die Veranstalter sahen sich darin bestätigt, wie wichtig es ist, zu diesem zentralen Gesetzesvorhaben Impulse zu geben und dafür zu kämpfen, dass die Mängel am BTHG beseitigt werden und es für Menschen mit Behinderung ein gutes Gesetz wird.

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Lust und Liebe mit Hindernissen

Markus* und Andi schlafen gern in einem Bett, können das Wohnhaus des anderen aber nicht allein erreichen. Tom wünscht sich Sex mit Katrin, in erster Linie, um Vater zu werden. Doch seine Kinder würden nicht bei ihm und seiner Freundin aufwachsen können. Mit ihren Bedürfnissen sind die jungen Leute ganz normal, doch als Menschen mit geistiger Behinderung haben sie Schwierigkeiten, ihre Sexualität so zu leben wie andere. Sie brauchen dabei Beratung und Unterstützung.

Wie die aussehen kann, das weiß Sascha Schröter. Er ist Teamleiter im Haus Ulme auf dem Stiftungsgelände des Rauhen Hauses. Neben Markus und Katrin leben hier noch acht weitere junge Menschen mit Autismus oder anderer geistiger Behinderung. Durch eine Fortbildung für das Thema sensibilisiert, hat Schröter gemeinsam mit Kollegen den Arbeitskreis LiLuS gegründet, dessen Kürzel für Liebe, Lust und Selbstbestimmung stehen. Ihnen geht es um Aufklärung und Beratung für Eltern, Klienten und Mitarbeitende.

Offenheit und Respekt
Im Kulturhaus Bienenkorb bietet das LiLuS-Team regelmäßig eine Gesprächsrunde für Klienten zum Thema „Partnerschaft und Sexualität“ an. „Wir können eine Menge tun“, stellt der Teamleiter fest, „das fängt schon bei der Privatsphäre der Bewohner an: Wir können anklopfen, bevor wir ein Zimmer betreten. Wir können es möglich machen, dass Markus und Andi beieinander schlafen, wir können mit Tom über seinen Kinderwunsch reden. Auch sexuelle Phantasien werden besprochen, der eigene Körper, wie man flirtet oder wie das geht mit dem Sex.“ Manchmal helfen zur Erklärung Gegenstände wie Spiegel, Schminke oder erotisches Spielzeug. Auch Fotos und Filme werden genutzt, um technische Fragen zu erläutern oder zu erklären, dass die Antwort auf körperliche Annäherung auch ein „Nein“ sein darf. Grenzüberschreitendes Verhalten ist ein wichtiges Thema zwischen den Bewohnern, aber auch zwischen Mitarbeitenden und Bewohnern. „Auch dafür müssen wir noch sensibler werden“, erklärt Schröter.

Thema: sexuelle Kompetenz
Andere Erfahrungen gewinnen die Bewohner durch Begegnungen mit sogenannten Sexualbegleiterinnen und -begleitern. Seit ein paar Jahren gibt es für sie die Möglichkeit, an Erotikworkshops im niedersächsichen Trebel teilzunehmen. Hier im Institut zur Selbstbestimmung Behinderter geht es nicht um käufliche sexuelle Dienstleistungen, über die der Käufer bestimmt. „Was wir dort kaufen, ist nicht Sex, sondern Zeit“, macht Schröter deutlich. Wie die gemeinsame Stunde verbracht wird, liegt im Ermessen der Sexualbegleitung, die in erster Linie einen kompetenten Umgang mit der eigenen Sexualität vermitteln möchte.

Dabei wird auch mit Augen und Händen kommuniziert, denn viele, die hierher kommen, können sich nicht gut mitteilen. „Im Kontakt eine Form zu finden, die für beide Partner passt und um Nähe und Berührung in entspannter Atmosphäre zu erfahren, darum geht es“, erklärt der Teamleiter.

Anfangs gab es Zweifel
Ingrid Maulwurf-Nebel, Regionalleitung in der Behindertenhilfe des Rauhen Hauses, bestätigt den positiven Effekt der Workshops. Vor dem ersten Besuch im Institut hätten noch viele Zweifel bestanden, erzählt sie: „Einige der Eltern und auch der Mitarbeitenden waren skeptisch. Die Bewohner hatten zum Teil riesige Erwartungen an die Begegnungen dort. Dass es dann keine langbeinige Blondine wie im Film war, mit der der Bewohner die Zeit verbracht hat und dass es nicht zum Geschlechtsverkehr kam, spielte im Nachhinein keine Rolle.“ Aus Trebel kämen alle in der Regel verändert zurück: „Viele sind entspannter, selbstbewusster und ruhiger.“ Mittlerweile gibt es drei- bis fünfmal im Jahr für die Bewohner eine Gelegenheit, an einem Erotikworkshop teilzunehmen. Außerdem kommt regelmäßig eine Sexualbegleiterin ins Haus, um sich mit Bewohnern zu treffen.

Bedürfnisse ernst nehmen
Nicht nur im Haus Ulme und anderen Einrichtungen des Rauhen Hauses hat sich in den letzten Jahren viel getan um das Tabu-Thema Behinderung und Sex. Die Regionalleiterin blickt zurück: „Bis in die 70er Jahre wurden Männer und Frauen mit Behinderungen zumeist getrennt untergebracht, das Thema Sexualität höchstens in Bezug auf sexuelle Gewalt oder die Verhinderung möglicher Schwangerschaften aufgegriffen.“ Heute ist man deutlich professioneller geworden, stellt Ingrid Maulwurf-Nebel fest. Sexuelle Aufklärung ist in vielen Einrichtungen selbstverständlich, ebenso wird über Themen wie Partnerschaft und Verhütung mit Klienten gesprochen. „Wichtig ist“, sagt sie, „dass Menschen wie Markus, Tom, Katrin und Andi ernst genommen werden mit ihren Bedürfnissen und dass sie Unterstützung bekommen.“

* Alle Namen geändert.

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Klabauter: Alles auf Anfang!

Brodelnde Ursuppe, großes Chaos oder einfach gar NICHTS? Wie war das denn nun ganz am Anfang? – Keine leichte Frage, aber nichts Geringeres als die Entstehung der Welt ist das Thema des neuen Stückes, mit dem das Klabauter-Ensemble im November auf die Bühne gehen wird.

Das Bühnenwerk mit dem Titel NICHTS, an dem die Truppe um Dorothee de Place momentan arbeitet, ist ein Erzählstück. Szene für Szene entwickeln sie gemeinsam den Rahmen für ihre ganz eigene Schöpfungsgeschichte. Für die 39jährige Theaterleiterin ist es die zweite Inszenierung, die sie mit dem Ensemble des Rauhen Hauses einstudiert. Sie ist von dem Thema begeistert: „Wir lesen Mythen unterschiedlicher Völker von der Süd- bis zur Nordhalbkugel und greifen Elemente auf, die uns ansprechen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler überlegen sich, wie sie die Texte umsetzen können und führen die Szenen vor. Am liebsten pantomimisch, damit wir sehen, welche Textstellen sich gut in Bildern ausdrücken lassen.“

Der Gruppenprozess ist dabei nicht nur für die Weiterentwicklung der Geschichte wichtig. Dorothee de Place lächelt verschmitzt: „Wie Menschen und Gesellschaften sich organisieren, ist nicht nur Thema des Stückes, sondern wird auch in der Form sichtbar, wenn das Publikum den Spielerinnen und Spielern dabei zusieht, wie sie auf der Bühne miteinander um die richtigen Worte und Bilder ringen.“

Wie die Schöpfer

Ein erstes Ziel, da waren sich alle im Ensemble schnell einig, heißt Ordnung schaffen, das Chaos sortieren. Wie es auch die Schöpfer in den jeweiligen Mythen tun mussten. Was soll wohin, was wird gebraucht? Szenen werden ausprobiert und weiterentwickelt.

Leben aus Klang?

Dass alle 12 Schauspielerinnen und Schauspieler unterschiedliche Behinderungen haben, spielt dabei keine Rolle, jeder bringt seine Talente und Fähigkeiten mit. Festgehalten werden die Ideen in einer riesigen Mind-Map. Es geht um Dunkelheit und Licht, um Gut und Böse und ja, auch um Leben und Tod. Geräusche sind wichtig, sie schaffen im Erzähltheater die angemessene Atmosphäre, denn „einige meinen: alles Leben entstand aus Klang.“ Oder etwa nicht? Dann ist da noch die Erschaffung der Menschen. Und das ICH. Wie sind wir zu dem geworden, was wir sind?

Nicht ohne Wasser

Übereinstimmung herrscht beim Thema Wasser: Das wird auf jeden Fall gebraucht, es kommt einfach überall vor, selbst im Nasenschleim des Schöpfergottes. Doch davon mehr bei der Premiere. Uraufgeführt wird das Stück am 4. November. Das ist gleichzeitig der Auftakt der Festwoche zum zehnjährigen Bühnenjubiläum. Es wird bunt und philosophisch, es wird laut und auf jeden Fall dunkel, wenn es heißt: „Am Anfang wussten sie nichts vom Licht, also gab es keins."

 

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Theater Klabauter

Klaus-Groth-Str. 7a
20535 Hamburg

Kartentelefon:
040/253 04 63 13
klabauter(at)rauheshaus.de

www.theater-klabauter.de

Wolfgang Bayer: Die Herausforderungen gehen weiter.

Seit 40 Jahren arbeitet Das Rauhe Haus mit psychisch erkrankten Menschen. Dieses Jubiläum wird mit einem Fest auf dem Stiftungsgelände gefeiert. Was sich in den vier Jahrzehnten verändert hat, berichtet Stiftungsbereichsleiter Wolfgang Bayer im Gespräch.

Was hat sich in dieser Zeit in der Psychiatrie verändert?

Wolfgang Bayer: Zwei Stichworte sind Dezentralisierung und Enthospitalisierung. Große Komplexeinrichtungen und klinische Langzeitbereiche wurden ab den 1970er Jahren aufgelöst. Bis dahin hieß Betreuung von psychisch erkrankten Menschen „Versorgung“ und „Langzeitunterbringung“.

Die Sozialpsychiatrie im Rauhen Haus begann 1976 mit dem Brüderhof: kein Krankenhaus, sondern eine stationäre Wohneinrichtung, ein Zuhause. In der Arbeit dort und im 1985 eröffneten Wichern-Haus wurde deutlich, dass viele Menschen sehr wohl selbstständig, eigenverantwortlich und selbstbestimmt ihr Leben gestalten können. Damit begann bei uns in den 1980er Jahren die ambulante Betreuung der Klienten.

Welche Auswirkungen hatte die Entwicklung von stationärer zu ambulanter Betreuung?

Die Veränderung zu mehr ambulanter Betreuung hat besonders in der Sozialpsychiatrie stattgefunden. Bundesweit wird im Schnitt die Hälfte der Klienten ambulant versorgt, bei uns sind es drei Viertel. Die  Gesamtausgaben in der Eingliederungshilfe und im Gesundheitswesen, also auch in der Psychiatrie, sind kontinuierlich gestiegen und steigen weiter. Dennoch wird die Refinanzierung pro Kopf im Durchschnitt abgesenkt. Das liegt auch an der wachsenden Zahl der Betroffenen und führt zu der Frage, ob denn die Richtigen unterstützt werden. Ein Beispiel: Ambulante Psychotherapie ist in den vergangenen 20 Jahren enorm ausgeweitet worden. Aber Menschen mit komplexen Störungen wie Bewohner von stationären Einrichtungen werden davon nicht erreicht.

Wie hat sich Das Rauhe Haus den Veränderungen gestellt?

Die Angebote des Rauhen Hauses für psychisch erkrankte Menschen gibt es an vielen Orten in Hamburg. Für uns gilt ganz klar: ambulant vor stationär! Wir haben die Abgrenzung zwischen beiden Formen deutlich reduziert. Die Frage ist, was brauchen die Menschen und welche Antworten finden wir darauf. Gekoppelt daran ist die Frage, wer was finanziert. Neue Angebote wie Integrierte Versorgung, Ergotherapie und jetzt auch Integrierte ambulante Pflege zielen auf den Zugang zu Krankenkassenleistungen.

Wir haben verschiedene Arbeitsangebote für die Klienten, sie dienen dem Ziel einer normaleren Lebensgestaltung. Mit dem Neubau am Kesselflickerweg haben wir auf das Wohnraumproblem reagiert. Die Treffpunkte fördern die soziale Teilhabe am öffentlichen Leben. Wichtig: Genauso gibt es weiterhin stationäre Einrichtungen für die Menschen, die nicht selbstständig genug sind, um allein zu wohnen. Wir übernehmen auch die Nachsorge für Menschen aus der Forensik.

Seit vergangenem Jahr bieten wir Hilfe für behinderte oder psychisch erkrankte Flüchtlinge an. Wir vernetzen uns mit anderen Trägern, in Hamburg und bundesweit. Die Zusammenarbeit war und ist ein Leitmotiv für uns.

Welche sind die nächsten Herausforderungen?

Wir stehen vor einer Fülle von gesetzlichen Änderungen, die neue Herausforderungen schaffen: Steigende Kosten und nicht im gleichen Maße steigende Erlöse erschweren Zukunftspläne. Unser neues Pflegeangebot ist ein wirtschaftlich nicht leicht zu realisierendes Aufgabengebiet. Wenn wir aber von vermehrt ambulanter Betreuung ausgehen, brauchen wir umso mehr auch die passende ambulante Pflege.

Wie gestalten wir Nachbarschaften? Auch dieses Thema gehört für uns dazu: Wohnraum schaffen für psychisch erkrankte Menschen, die Sorgen der Nachbarn aufnehmen und Bedenken abbauen. Das gehört für uns zur Inklusion. Und nicht zuletzt haben wir es auch mit einem Armutsproblem zu tun: Wer psychisch krank wird, hat ein mindestens fünfmal höheres Risiko zu verarmen als ein psychisch gesunder Mensch. Wir sind Ansprechpartner für Betroffene, indem wir aktive Mitgestaltung etwa durch Genesungsbegleiter schaffen. Wir können das Armutsproblem nicht lösen, aber wir tun unseren Teil zur Schaffung einer sozialeren Gesellschaft.


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„Das Rauhe Haus hat tolle Möglichkeiten, etwas zu bewegen“

Schon seit längerem engagiert sich die Kinder- und Jugendhilfe des Rauhen Hauses in der Flüchtlingshilfe. Mit gezielten Projekten unterstützen Sozialpädagogen Familien und allein reisende Kinder und Jugendliche, die in der Hansestadt Zuflucht gefunden haben. Dem Leiter der Kinder- und Jugendhilfe, Peter Marquard, ist dies ein besonderes Anliegen.

„In den acht Monaten, in denen ich jetzt hier bin, haben wir mehrere Initiativen im Bereich der Flüchtlingshilfe entwickelt“, berichtet er.  Die Konzepte sind mit der Behörde abgestimmt und werden von der Stadt finanziert – wie die anderen Angebote der Kinder- und Jugendhilfe auch.

Doch in der Flüchtlingshilfe ist das nicht immer der Fall. „Das Rauhe Haus hat den Vorteil, mit seinen Spenden und seinem ehrenamtlichen Engagement etwas darüber hinaus tun zu können“, erläutert Marquard und erzählt von der Unterkunft in Hamburg-Billbrook, in der das Rauhe Haus den Träger Fördern und Wohnen mit zwei Sozialarbeitern vor Ort unterstützt. „Diese Betreuung  finanziert sich aus Spenden.“ Flächendeckend in ganz Hamburg könne man dies nicht machen: „Aber um zu zeigen, was man als Integrationshilfe Gutes tun kann, ist es wunderbar geeignet.“

In der Betreuung von minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen klappt es mit der Finanzierung durch die Behörde. „Wir haben eine Immobilie in Bergedorf angeboten bekommen, für die wir das Konzept und die Finanzierung durch die Behörde bereits besprochen haben“, erzählt Peter Marquard ein Beispiel. „Dort wollen wir zwölf  junge Flüchtlinge betreuen, dazu zwei Familien. Die Unterbringung wird so geregelt sein wie in den Wohngruppen, die wir an anderen Stellen auch betreiben. In Bergedorf schaffen wir das jetzt eben als ein Angebot speziell für junge Flüchtlinge.“

Ohne das Engagement von Freiwilligen wäre vieles in der Arbeit für Flüchtlinge nicht so gut umzusetzen, das weiß auch Peter Marquard und ist dankbar für die große Zahl von Menschen, die sich beim Rauhen Haus einbringen. So entstehe ein Mehrwert: „Da hat das Rauhe Haus tolle Möglichkeiten, etwas zu bewegen.“ Wie das aussehen kann? „Neben der Betreuung, die Sozialpädagogen hauptberuflich leisten, können Freiwillige den einzelnen Jugendlichen mal an die Hand nehmen und mit zum Sportverein gehen. So lange, bis der in diesem Sportverein selber angekommen ist.“ Der Vorteil: „Wenn er von irgendjemandem schief angesehen wird oder der Trainer findet, er kommt in der Mannschaft nicht gut zurecht, dann kann ein Freiwilliger vermitteln. Dann ist die Erfolgsaussicht, dass das klappt, viel größer.“

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„Die Frage nach dem Lebenssinn hat mich immer herausgefordert“

Es war kein leichter Abschied nach einem ganzen Berufsleben und einer bemerkenswerten Karriere mit vielen Herausforderungen und Erfolgen im Rauhen Haus. Ende September übergab Michael Tüllmann die Leitungsverantwortung für den Stiftungsbereich Kinder- und Jugendhilfe seinem Nachfolger Dr. Peter Marquard. Es wird ein „Beinahe“-Ruhestand: Michael Tüllmann bleibt dem Rauhen Haus durch sein Projekt Religions- und kultursensible Pädagogik weiter verbunden. Die Journalistin Anke Pieper traf sich mit ihm für Augenblick Hamburg zu einem Gespräch.

Herr Tüllmann, viele Menschen in Hamburg kennen Sie vor allem als Leiter des Stiftungsbereiches Kinder- und Jugendhilfe im Rauhen Haus. Was für ein Jugendlicher waren Sie selbst? 
"Ich bin in einer Kleinstadt in der Nähe von Kassel aufgewachsen und fühlte mich schon mit 14 Jahren der Friedensbewegung verbunden, war gegen den Vietnamkrieg und hörte viel Musik. Musik gefiel mir auch deshalb, weil sie sich damals viel mit Sinnfragen beschäftigte. Mein Traum war es, nach London zu kommen. Mit 16 bin ich dorthin getrampt. Meinen Eltern erzählte ich, ich wäre mit dem CVJM unterwegs … Ich habe in Wohngemeinschaften gelebt, hatte auch Kontakt zu klosterartigen Gemeinschaften. Mit 19 durfte ich in London ein Sommerhostel leiten, in das Jugendliche aus der ganzen Welt kamen, es war sehr multikulturell! Das war eine wunderschöne Jugendzeit mit ganz viel Aufbruchstimmung."

Wie kam es zu Ihrer Berufswahl? 
"Die war schwierig. Ich komme aus einer traditionellen Kaufmannsfamilie und mein Vater wollte, dass ich in seine Fußstapfen trete. Aber das sagte mir nicht zu, weil ich ganz anders war. Dann habe ich ein Praktikum in einem Münchner Obdachlosenheim gemacht. Dort war es ganz furchtbar, aber ich habe verstanden, welche Arbeit ich tun will. Eine prägende Begegnung war die mit einem 60-jährigen Mann, einem Alkoholiker. Er hatte früher eine Bäckerei-Ladenkette besessen, war aber über den Tod seiner Frau nicht hinweggekommen. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer, der Tod sei das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann. Im Obdachlosenheim sah ich: Das Schlimmste sind Phasen des Leidens im Leben. Das hat mich interessiert. Ich sah Soziale Arbeit immer zusammen mit der Sinnfrage. Dann habe ich mich um einen Studienplatz beim Rauhen Haus beworben. Mein Studienschwerpunkt war Gemeinwesenarbeit und ich arbeitete die ersten Jahre in den sogenannten sozialen Brennpunkten, in Wilhelmsburg und Osdorfer Born, kurz auch in der Merkenstraße. Ich habe als traditioneller Jugenddiakon angefangen.  Die  Gemeinwesenarbeit war Bestandteil, sie kam in den 70ern gerade in ihre Blütezeit."

1981 sollten Sie Ihre erste Leitungsposition übernehmen, wollten aber zunächst gar nicht …
"… da kam Jochen Rösler auf mich zu, der war „Erziehungsleiter“ beim Rauhen Haus, so hieß das damals. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen kann, Heimleiter in der Jugendhilfe zu werden. Ich hab geantwortet, das sei das Fürchterlichste, was ich mir überhaupt vorstellen kann! Wir wollen doch die Jugendlichen in die Stadt integrieren und nicht in Heime aussondern! Da erklärte er mir, dass er dabei sei, die Jugendheime aufzulösen. Das fand ich spannend. Ich habe mir vorgestellt, wir hätten eine Wohngruppe in der Gemeinde und dort könnten Jugendliche einziehen, deren Familien zerbrochen waren. Ich nahm die Aufgabe an. Es gab Widerstand, aber dann fanden sich doch ausreichend Mitarbeiter, die bereit waren, mit mir diesen Schritt zu gehen." 

Wie entstand aus der Jugendhilfe heraus die neue Stiftungsabteilung Behindertenhilfe?
"Wir beobachteten schon länger, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung aus Hamburg nach Bayern verlegt wurden, weil es bei uns keine Einrichtungen für sie gab. Da hatten wir im Rauhen Haus die Idee, Kinder und Jugendliche mit Behinderung in die dezentralen Gruppen einzubeziehen. Das war damals absolut neu. 1991lebten schon mehr als 100 Menschen in Wohngruppen und wir hatten ganz viele ambulante Angebote. Das war der Zeitpunkt, zu dem wir die Behindertenhilfe als eigene Abteilung im Rauhen Haus gegründet haben. Dort übernahm ich die Leitung."

Was inspirierte Sie bei Ihrer Arbeit in der Behindertenhilfe?
"
Oh, das ist ein unglaublich spannendes Arbeitsfeld, wo genau in diesen Jahren vieles in Bewegung war. Wir haben uns zum Beispiel für Jugendliche etwas einfallen lassen, die sich weigerten, in Werkstätten zu arbeiten. Es entstand die Arbeitsbegleitung, damals eine ganz neue Idee in Hamburg. Dann erfuhr ich vom sogenannten Hospital Closure Process in Großbritannien. Alle Heime sollten abgeschafft und die behinderten Menschen in die Community integriert werden. Da war es wieder, mein Gemeinwesenthema! Ich wollte wissen, wie das die englischen Kollegen genau machen, habe es mir vor Ort angeschaut. Das war inspirierend. Wir haben es geschafft, in Hamburg mit der Behörde und anderen Einrichtungen, darunter der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, ein dreijähriges Projekt zu starten. „Steps“ hieß das: Steps Towards Emancipation and Participation. Wir hatten Projektpartner in England, den Niederlanden, Schweden und Spanien; haben mit Hochschulen, Praxis und Behörden zusammengearbeitet. Das war großartig, wir haben unglaublich viel gelernt! Wir haben uns auch positioniert gegen den australischen Philosophen Peter Singer, der behauptet hat, dass Menschen, die aufgrund einer Behinderung nicht über sich selbst reflektieren können, unwertes Leben seien. Das ist ein sehr diakonisches Thema, fanden wir. Wo bezieht der Mensch seinen Wert her? Nicht durch das, was er macht, sondern durch das, was er ist, nämlich Gottes Geschöpf. Ich habe diese Arbeit in der Behindertenhilfe sehr gemocht und viel von den Menschen mit Behinderungen gelernt."

Aber dann bat Sie der damalige Vorsteher Dietrich Sattler, die kriselnde Jugendhilfe zu sanieren. Was war da eigentlich los? 
"Die Jugendhilfe schrieb über Jahre rote Zahlen, der Vorstand hatte bereits mehrere Rettungsversuche unternommen. Als Sattler mich fragte, ob ich mir zutraute, die Abteilung zu sanieren, war das für mich sehr überraschend. Ich war hin- und hergerissen, bevor ich zugesagt habe. Ich hatte dann ein paar Ideen, habe Strukturen und Angebot verändert. Geld konnten wir damals nur über stationäre und ambulante Hilfen verdienen. Wir haben regionale Zentren gebildet, die beides geleistet haben. Wir haben das Qualitätsmanagement entwickelt und in Gebäude investiert. Ich habe sehr gut mit dem Controlling zusammengearbeitet, bekam von der Behörde so etwas wie einen Vertrauensvorschuss – und wir hatten einfach auch Glück! Nach einem Jahr wurden die roten Zahlen kleiner, im zweiten Jahr waren wir im Plus, ab 2006 schrieben wir schwarze Zahlen."

Jetzt mussten Sie als Diakon plötzlich vor allem kaufmännisch denken und handeln?
"Der kaufmännische Teil gehörte längst zu meiner Arbeit dazu. Durch meine Familie war das Betriebswirtschaftliche immer präsent, so bin ich sozialisiert, das hat mir sehr geholfen. In Leitungsverantwortung muss man beides können: Die Organisation inhaltlich voranbringen und rechnen! Wir können uns nur dann tolle Projekte leisten, wenn der Laden finanziell rund läuft. Ich habe mit guten Beratern Steuerungsmechanismen entwickelt, Kennzahlen und Zielplanung eingeführt, das hatte ich alles vorher in der Behindertenhilfe schon gemacht. Rückblickend bin ich den Mitarbeitern total dankbar, die schnell mitgezogen haben. Wir hatten dann bald hervorragende Teamleitungen - und zwar aus der Mitarbeiterschaft! Sie sind heute das Rückgrat der Jugendhilfe. Sie arbeiten an der Schnittstelle zwischen den Jugendlichen, deren Umfeld und dem Jugendamt. Das ist wirklich klasse!"

Wie entstand die Idee zur religions- und kultursensiblen Pädagogik? Und was bedeutet sie für die Jugendhilfe? 
"Die Sinnfragen haben mich mein ganzes Leben begleitet. Warum machen wir Jugendhilfe in der Diakonie? Was ist unser Profil? Wir könnten es ja auch anderen überlassen. In der Mitarbeiterschaft waren diese Fragen aber lange ein No-Go. Die Lebensweltorientierung begreift sich als emanzipatorischer Ansatz. Emanzipation und Religion sah man als Gegensätze. Ich selbst bin anders geprägt, durch Menschen wie die Theologin Dorothee Sölle. Dann las ich  über  Martin Lechner und seiner religionssensiblen Pädagogik. Das hat mich stark interessiert! Man verlässt den engen konfessionellen Blick auf Religion. Konfession ist dann eine Möglichkeit von mehreren, um Glauben zu beschreiben. Glaube ist auch der Glaube an die bloße Existenz, das Leben als solches oder an eine Transzendenz. Ich bin mit einer Gruppe von Mitarbeitern nach Bayern zu Lechner gereist. Wir fingen an, unseren Ansatz zu entwickeln. Die Akademie der Weltreligionen der Uni Hamburg kam zum Projekt dazu. Die direkte Verbindung zu unserer Praxis war mir wichtig: Wie weit dient es eigentlich dem Jugendlichen, seinen Existenzglauben zu finden? Wenn Familien zusammengebrochen sind, haben die Jugendlichen schwere Wege vor sich. Wir können sie ermutigen, einen positiven Lebensglauben zu entwickeln. Wenn uns das nicht gelingt, riskieren wir, dass sie sich Gruppen anschließen, die miteinander ihr Versagen teilen und sich gegen die Gesellschaft stellen."

Welche Bedeutung hat Glaube in der Sozialen Arbeit - jetzt und zukünftig?
"Ich bin immer Anhänger der Lebensweltorientierung gewesen, aber Glaube als Teil der Lebenswelt fehlte dort bisher. Das hat wieder mit der falschen Annahme zu tun, Religion sei a priori anti-emanzipatorisch. Heute gehen wir aber auf ganz andere Weise mit Religion um als in den Zeiten der Entstehung der lebensweltorientierten Pädagogik. Wir sehen Menschen nicht mehr als Objekte, denen etwas verkündet wird oder die missioniert werden müssen. Wir fragen sie: Was glaubst du? Welcher Glaube ist in dir gewachsen? Den Anfang bilden Fragen, nicht fertige Wahrheiten. Die interessieren die Jugendlichen sowieso nicht. So kann das Thema in die Pädagogik hineinwachsen. Es geht in unserer Arbeit - wie überhaupt im Leben - nicht darum, den eigenen Glauben und das Verhältnis zur Kirche exklusiv mit Menschen zu besprechen, die dasselbe glauben. Das ist langweilig. Es geht darum, dass man es in der Alltagssprache kommunizieren kann, mit jedem Menschen und ohne dass man herumfrömmelt. Dieser Prozess ist wichtig und er ist dran. Deshalb bleibe ich auch dran!"

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Richtfest mit Segen und Krone

Blauer Himmel, Richtkrone mit bunten Bändern, Musik, Reden, Unterhaltung und Essen – das alles gab’s beim Richtfest am Kesselflickerweg. Rund 150 Menschen waren nach Hamburg-Langenhorn gekommen. Dort auf dem ehemaligen Gelände der Asklepios-Klinik Nord – Ochsenzoll entsteht ein neues, gut durchmischtes Wohnquartier. Die U-Bahnstation Kiwittsmoor liegt gleich um die Ecke. Das Rauhe Haus und die Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll bauen drei Wohnhäuser für psychisch erkrankte Menschen und einen Treffpunkt als Begegnungsort für Bewohner und Nachbarn. „Mit diesem Projekt engagieren wir uns für modernen und günstigen Wohnraum für diese Menschen in einem lebendigen Stadt­teil“, betonen die Vorstände des Rauhen Hauses, Sabine Korb-Chrosch und der Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll, Dr. Stephanie Wuensch. Diese Personengruppe habe es besonders schwer, auf dem angespannten Hamburger Wohnungsmarkt eine geeignete Wohnung zu finden. Die Stiftungen übernehmen hier große Verantwortung.

Das Wohnquartier soll für ein gutes Miteinander stehen: alle Menschen dort, nicht nur die in den drei Wohnhäusern, brauchen eine verlässliche Nachbarschaft und ein funktionierendes Zusammenleben. So kann Gemeinschaft wachsen. Im Sommer 2016 sollen die drei Wohnhäuser der beiden Stiftungen bezugsfertig sein.

Beim Richtfest war für alles, was zu so einem Fest gehört, gesorgt: eine Andacht mit Pastorin Corinna Peters-Leimbach, Rauhes Haus, und ihrem Kollegen vor Ort Oliver Spies aus der Kirchengemeinde St. Jürgen – Zachäus. Der Richtspruch kam vom Polier, der sein Glas anschließend zerschmetterte, so der Brauch. Von der zuständigen Behörde war Axel Georg-Wiese da, der neben den beiden Vorstandsfrauen und den beiden Stiftungsbereichsleitern Wolfgang Bayer und Josef Brasch sprach. Gerahmt und untermalt wurde der kleine Festakt von der Bigband der Wichern-Schule unter der Leitung von Frank Maring. 

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Sie ist die Neue bei Theater Klabauter: Dorothee de Place

Wenn Dorothee de Place morgens die Tür vom Theater Klaubauter aufschließt, dann freut sich die 38-Jährige über diese einfache Handlung wie ein Kind. "Ich leite keine Theatergruppe, ich leite ein Theater", spürt sie dann und ist ganz stolz. Seit Anfang August leitet die Regisseurin und Schauspielerin eines der ältesten deutschen Theater, in dem Menschen mit Behinderung als professionelle Schauspieler arbeiten. 1998 entstanden, hat es seit 2006 eine eigene Bühne in Borgfelde mit rund hundert Plätzen. 13 Schauspieler mit unterschiedlichen Behinderungen arbeiten am Theater Klabauter,das zum Rauhen Haus gehört.

Dorothee de Place folgt auf Astrid Eggers, der Gründerin von Klabauter, die gerade in den Ruhestand gegangen ist. "Sie hat eine ganz tolle Arbeit gemacht und gekämpft", macht Dorothee de Place aus ihrer Bewunderung kein Hehl. Nun ist die junge Theatermacherin am Start und schaut, in welche Richtung es gehen kann.

Wir haben alle Grenzen
Ihr Fernziel, das sagt sie ganz klar, ist Normalität, "eine Normalität, in der Schauspieler mit Behinderung mit Nicht-Behinderten gleichberechtigt auf der Bühne stehen. Nicht nur auf dieser Bühne, sondern auf jeder Bühne." Der erste Schritt dorthin ist für sie, das eigene Haus als ganz normales Theater zu sehen. "Wir sind eine soziale Einrichtung, aber wir sind auch ein Theater und möchten so wahrgenommen werden. Und wir öffnen uns, um für die Kollegen für Kooperationen interessant zu werden. Klabauter soll ein Ort des Austausches werden."

Austausch spielt auch in ihrem eigenen Leben eine große Rolle. International, mit einem Schwerpunkt auf "interkulturelle Theaterarbeit" sei schon ihr Studium gewesen, erzählt sie. "Der Kulturbegriff hier über die Nationalität hinaus, meint also alle Arten von Zugehörigkeiten und Unterschieden: sozial, religiös, Alter, sexuelle Orientierung und auch Menschen mit Behinderung." In Tschechien, Bulgarien, Kenia und den Niederlanden hat sie Theaterstudenten unterrichtet und ein Kindertheaterstück in Shanghai auf Chinesisch auf die Bühne gebracht. "So erklärt sich auch ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit: Theater jenseits von Sprache zu machen, also die Funktion der Sprache auf der Bühne sehr kritisch zu betrachten." Körperarbeit ist bis heute ihr Thema. Am Thalia Theater übernahm sie die integrative Eisenhans Theatergruppe und wurde gleich für ihre erste Arbeit ausgezeichnet. Seit zwölf Jahren ist die Mutter zweier Kinder als freie Regisseurin, Theaterpädagogin, Märchenerzählerin und Schauspielerin in Hamburg tätig.

Höher, schneller, weiter - wie geht das?
Weil Umdenken am besten in junge Köpfe eingepflanzt wird, möchte sie mit ihrem Theater an Schulen arbeiten, so wie die anderen Häuser in Hamburg auch. Ideal dafür sei die Zusammenarbeit mit dem TUSCH-Projekt, ein Netzwerk der Hamburger Theater und Schulen, unterstützt von der Bildungs- und der Kulturbehörde sowie der Stiftung Mercator. Einen ersten Anlass, mit Schülern und Schülerinnen in den Dialog zu gehen, bietet die Olympia-Bewerbung der Stadt Hamburg, findet sie und erklärt gern, was sie damit meint. "Höher, schneller, weiter – was heißt denn das für uns? An welcher Stelle sollten wir weiter werden oder weiter kommen? Und was müsste schneller gehen?", fragt sie. "Warum soll ich nur besser werden können, wenn ich besser bin als du? Wenn Doping verboten ist, um faire Startbedingungen zu garantieren, was müsste dann noch alles verboten sein? Und wo liegt der Unterschied zwischen der Anerkennung einer Leistung und der Wertschätzung eines Menschen?" Mit diesen Fragen will sie mit ihren Schauspielern in den Wettstreit um die Aufmerksamkeit der Olympia-Begeisterten gehen – eher spielerisch als sportlich. "Bei diesem Thema dürfen wir uns von unserer Seite keine Hemmungen erlauben."

Brücken bauen 
Öffnung tut in allen Bereichen Not, findet sie. Deshalb will sie auch junge Regisseure und Theatermacher einladen, mit ihren Schauspielern zu arbeiten, "damit die Regisseure von morgen sich auch mal vorstellen können, einen Schauspieler mit Handicap zu casten."

Davon profitieren nicht nur ihre Schauspieler; langfristig, so hofft sie, können so auch Brücken über längst zementierte Gräben gebaut werden. "Es geht nicht um Integration, sondern darum, dass Menschen mit Behinderung mit ihrer Erfahrung gebraucht werden. Wir alle haben Situationen, mit denen wir nicht klarkommen. Burnout und Depression sind heute Modekrankheiten. Wenn wir feststellen, dass wir scheitern, brauchen wir anderthalb Jahre, um da wieder rauszukommen", redet sie sich in Rage. "Bei Menschen mit Behinderung liegt die Tatsache, dass wir alle Grenzen haben, auf dem Tisch. 'Scheitern – na und? Machen wir ständig.'"

Stücke über Menschlichkeit will Dorothee de Place auf die Bühne bringen. "Dazu gehört Unvollkommenheit, dass wir einander bedürfen. Menschen mit Behinderung wissen das, sie sind entspannt damit – und sie können um Hilfe bitten. Das ist eine unglaubliche Kraft." Wie dieses Theater aussehen kann, wird sie Anfang Januar 2016 unter Beweis stellen; dann hat ihr erstes Stück Premiere. "Das ist auch eine Positionierung", weiß sie und freut sich.

Alte Stühle wechseln den Besitzer
Positioniert hat sie sich schon ganz praktisch – mit einer neuen Bestuhlung. "Es gab mal eine Spende von lauter tollen Design-Musterstühlen", erzählt sie. Die sind immer noch prima, aber leider nicht stapelbar; so fehlt der Platz für Körperarbeit mit den Schauspielern. Also hat die neue Leiterin beherzt 75 Stühle eingekauft, aus Holz und prima zu stapeln, die unter künstlerischer Anleitung angemalt werden sollen. Und die alten Stühle? "Die werden verkauft, jeder Hamburger kann also ein Stück Theatergeschichte 'besitzen'",  erklärt sie kess und zählt auf: "Mindestpreis 5 Euro, ab 50 Euro wird der Name des Käufers auf einem neuen Stuhl verewigt. Und bei einer Spende von 100 Euro gibt's eine Klabauter-Jahreskarte." Die neue unkonventionelle Leiterin wird auch in Zukunft für jede Menge Überraschungen gut sein.

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Theater Klabauter

Ansprechpartnerin:
Dorothee de Place

Jungestraße 7a, 20535 Hamburg
Tel. 040 / 25 30 46 313
klabauter(at)rauheshaus.de

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Luftige Angelegenheit. Ballon nach Ludwigslust.

Als Hella Möller vor einigen Wochen beim alljährlichen Sommerfest des Altenpflegeheims Haus Weinberg einen Luftballon in den Himmel schickte, hatte sie gehofft, dass er eine weite Reise machen würde. Und tatsächlich: Mehr als hundert Kilometer östlich, in Ludwigslust-Techentin, fand ihn eine Spaziergängerin bei ihrer morgendlichen Runde. Ein paar Tage später konnte sich Hella Möller über Post freuen: Die Finderin hatte der 82-Jährigen eine Postkarte von Ludwigslust geschickt und die Reste des Ballons gleich mit eingepackt. "Das war toll", freut sich Hella Möller über die nette Überraschung. "Ludwigslust kenne ich noch aus meiner Kindheit."

Berührung mit der eigenen Vergangenheit
Keine 30 Kilometer entfernt, in Parchim, ist sie groß geworden. "Als ich drei Jahre alt war, sind meine Eltern von Hamburg dorthin gezogen", erzählt sie. Ein kränkliches Kind sei sie gewesen, "aber da bin ich gesund geworden." Zu Anfang war es langweilig für das Stadtkind auf dem Land, aber schon bald fand sie Freunde. An Horst und seine Zinnsoldaten kann sie sich noch gut erinnern. "Der wollte zuerst nicht mit mir spielen, ich war ja ein Mädchen", aber dann seien sie doch gut miteinander ausgekommen.

Immer in Kontakt sein
1945 flüchteten ihre Eltern mit den beiden Töchtern in den Westen und blieben in Dithmarschen. Hella Möller wurde Krankenschwester und arbeitete in vielen Hamburger Krankenhäusern, ihre Schwester zog der Liebe wegen nach Schweden. Dort war Hella oft zu Besuch: "Ich habe sogar Schwedisch gelernt." Um mit ihren Nichten und Neffen in Kontakt zu bleiben, hat sie sich schon früh PC-Kenntnisse angeeignet. "Im Haus Weinberg war sie die erste Bewohnerin, die beim Einzug nach einem Internet-Anschluss fragte", berichtet Ulrich Bartels (r.), Leiter Haus Weinberg, lachend und zeigt auf das schicke Laptop auf dem Schreibtisch. "Die jungen Pflegekräfte können dafür mir gute Tipps geben", sagt Hella Möller verschmitzt.

Zu Luft und zu Wasser
Post einfach ins Blaue zu verschicken, das hat sie schon früher mal gemacht. An der schwedischen Ostseeküste hat sie vor vielen Jahren eine Flaschenpost ins Meer geworfen, "die kam irgendwo an der Küste der DDR an. Leider haben sich die Empfänger nur einmal gemeldet, dann ist der Kontakt abgebrochen." An die freundliche Finderin in Ludwigslust will Hella Möller jedenfalls bald schreiben und sich bedanken.

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Mit Kunst Brücken bauen.

„Ich habe heute in der U-Bahn einen Spruch gelesen, den habe ich mir gleich aufgeschrieben“, sagt Christine Fritzsche und kramt in ihrer Handtasche. „Ein Großteil der Realität ist nicht gottgegeben“, liest sie vor. „Wir erschaffen sie selbst durch unsere Erfahrungen und Erwartungen.“ Warum Christine Fritzsche findet, dass dieser Spruch zu ihr passt? Da atmet sie tief ein. „Ich finde, es ist entscheidend, dass man sich immer wieder münchhausenmäßig selbst aus dem Sumpf zieht. Ich habe viele Erlebnisse gehabt, die mich zurückgeworfen haben. Aber ich habe mir immer gesagt: Die Liebe zum Leben, die Liebe zum Menschen – das sind die Dinge, die letztendlich tragen.“

Erfahrungen einbringen
Der Sumpf, das war eine psychische Erkrankung, die ihr im Leben immer wieder zu schaffen machte. „Heute nehme ich Medikamente in homöopathischer Dosierung, damit komme ich klar“, sagt die 55-Jährige. Die Erkrankung hat für so manche unfreiwillige Kurskorrektur im Leben gesorgt, doch Christine Fritzsche scheint endlich bei sich angekommen zu sein. Über das Universitätskrankenhaus Eppendorf hat sie eine Ausbildung als Ex-Inlerin absolviert. „Das heißt Experience-Involvement", erläutert sie. Die Idee: Mit Unterstützung von psychiatrieerfahrenen Menschen soll das Angebot der Betreuung und Therapie verbessert werden. Sie bringen ihr Wissen über unterstützende Haltungen, Methoden und Strukturen ein. „Als psychiatrieerfahrener Mensch kann man ein Brückenglied  zwischen Experten und Klienten sein, man kann vermitteln.“

Beim Rauhen Haus macht Christine Fritzsche seit zwei Jahren kunsttherapeutische Angebote und absolviert nebenbei eine berufsbegleitende Ausbildung zur anthroposophischen Kunsttherapeutin. Gemalt hat sie immer schon und hätte gern Kunst studiert. Doch vor dem Abi brach Christine Fritzsche die Schule ab, hatte ihren ersten Krankheitsschub und kam auf eigenen Wunsch in die Psychiatrie. Eine schizophrene Psychose wurde damals diagnostiziert, „heute behaupte ich, das war nicht richtig.“ Manisch-depressiv sei sie gewesen. „Ich wollte die Welt verbessern im Wechsel mit depressiven Phasen, wo ich kein Licht mehr am Horizont sah.“

Erfolgreich als Friseurin
Christine Fritzsche kam wieder auf die Füße und versuchte ihr Glück an einer Kunstschule. Dort wurde sie abgelehnt und war dann nicht mehr selbstbewusst genug, um sich weiter zu bewerben. Sie machte eine Ausbildung als Friseurin, wurde Meisterin und führte sieben Jahre lang sehr erfolgreich ihren eigenen Salon in Hamburg Pöseldorf. Alles lief rund, doch dann kam die Krankheit zurück. Im Jahr 2000 folgte der zweite stationäre Aufenthalt. Hätte sie sich damals eine Begleitung durch einen Ex-Inler gewünscht? Da zögert sie. „Ich weiß gar nicht, ob ich damals das Bewusstsein gehabt hätte zu sagen, ich wünsche mir das. Ich war fern von Gut und Böse.“

Die Husumerin berappelte sich zwar wieder, auch mit der Unterstützung von Freunden und ihrer Familie. „Zu wissen, dass Menschen im Hintergrund sind, auf die man sich verlassen kann, das stärkt.“ Aber durch die Krankheit verlor sie ihren Salon. „Ich konnte nicht mehr richtig Fuß fassen, alles war dahin.“ Christine Fritzsche arbeitete dann als angestellte Friseurin, doch Mut fasste sie erst wieder, als sie von  der Ex-Inler-Ausbildung erfuhr. „Das gab mir eine neue Perspektive, ich konnte meine eigenen Erfahrungen mit verwerten und mit einbringen in etwas Neues.“

Krankheit ist Teil der Persönlichkeit
Ihre Erfahrungen mit der Krankheit sind zwiespältig. „Ein Teil von mir rebelliert immer und will nicht einsehen, dass es eine Krankheit war, sondern eher ein Verhaltensausbruch, der zu sehr von außen geprägt war, weil ich nicht ich selbst sein konnte“, sagt Christine Fritzsche nachdenklich. Ob sie mit der Krankheit hadert? „Nein“, sagt sie entschieden. „Ich denke, die Krankheit ist eine Facette meiner Persönlichkeit. Ich möchte sie nicht missen. Aber es gibt gewisse Regeln und Normen. Da muss man schauen, ob man eine Grenze überschreitet und andere Menschen verletzt mit dem, was man sagt und tut. Das war bei mir auch so und ist nicht in Ordnung. Solche Momente verdrängt man eher.“ Die Kunst ist für Christine Fritzsche ein Ausdrucksmittel und Ventil. „Mir hilft sie, ich kann alles herauslassen in Form und Farbe“, erzählt sie. Dabei ist sie ganz bei sich im Hier und Jetzt. „Es hängt allein von mir ab, was ich mit dem Leben mache. Natürlich gibt es immer wieder äußere Einflüsse, aber letztendlich kommt es darauf an, was ich will und was ich nicht will. Und da“, sagt sie lachend, „sind wir wieder beim Spruch aus der U-Bahn angekommen.“

 

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„Ich will mein Leben nicht verschwenden.“

Cengiz und Karim sind wie Brüder – zwei große Jungs, die sich gern kabbeln und gegenseitig auf den Arm nehmen. Doch wenn es drauf ankommt, dann halten sie zusammen. Die beiden ehemaligen Schulverweigerer haben es bis zur Abiturvorbereitung geschafft. Freunde geworden sind sie in einer Wohngruppe für Jugendliche.

"Schule hat nicht gebockt!"
Das erste, was an Cengiz auffällt, ist sein entwaffnendes Lächeln. Kaum vorstellbar, dass der 17-Jährige einmal so aggressiv war, dass es in der Schule nicht mehr ging. Höflich und freundlich wirkt der Sohn einer Deutschen und eines Inders, doch seine kräftige Statur lässt ahnen, was er anrichten kann. „Ich hatte viel Stress mit den Lehrern, habe genervt und sie beleidigt“, erzählt Cengiz. „Schule hat nicht gebockt.“ Also ging er nicht mehr hin – und das gab auch zu Hause Ärger. Seine alleinerziehende Mutter arbeitete und konnte nicht regelmäßig kontrollieren, ob Cengiz zur Schule ging oder einfach im Bett blieb. „Und meine drei älteren Geschwister hatten auch irgendwann keine Lust mehr, mich immer zu wecken.“

Zurück auf den eigenen Weg finden
Die 8. Klasse schwänzte er komplett, lag im Bett oder traf sich mit seinen Kumpeln. Doch irgendwann machte es klick, erzählt er: „Ich wollte einen Abschluss machen, und so ging das nicht.“ Vor drei Jahren zog er in eine betreute Jugendwohngruppe auf dem Gelände des Rauhen Hauses. „Comeback“, das Schulverweigererprojekt des Rauhen Hauses, half ihm, wieder in die Spur zu finden: Cengiz machte seinen Hauptschulabschluss, „und dann dachte ich: Real geht auch.“ Es ging, und nun traut er sich auch das Abitur zu. „Ich bin gut in Chemie, Mathe und Bio“, sagt der Elftklässler stolz.

Ziemlich gute Freunde
Großen Anteil an Cengiz' schulischem Erfolg hat sein Kumpel Karim, der wie Cengiz seit drei Jahren in der Wohngruppe lebt. „Karim hat mich mitgezogen“, sagt Cengiz. Die beiden haben sogar gewettet, wer den besseren Abschluss schaffen wird. Neben Cengiz wirkt Karim mit seinen Rapperklamotten und den geschorenen Haaren hart und cool – doch der 17-Jährige interessiert sich für Philosophie und macht sich Sorgen, wie es nach der Schule weitergehen wird. Mit 18 Jahren muss er aus der Wohngruppe ausziehen in eine eigene Wohnung. Der Gedanke beunruhigt ihn – wird er das schaffen?

Großer Kick: Hauptschulabschluss geschafft!
Für den Sohn einer Ukrainerin und eines Afghanen lief es gut in der Schule, doch die Scheidung seiner Eltern warf ihn in der 8. Klasse aus der Bahn. „Auf dem Gymnasium war ich zwar anwesend, aber nicht im Unterricht“, erklärt Karim. „Schule war nicht so wichtig für mich.“ Wichtiger waren seine Kumpel, mit denen er ausging oder abhing. „Zu Hause war ich kaum“, erinnert er sich; dort wurde viel gestritten. Die Wohngruppe gefiel ihm sofort, über „Comeback“ kam auch er wieder zurück in geregelte schulische Bahnen. „Früher war die Schule bloß Stress“, sagt Karim. Mit dem Hauptschulabschluss kehrte der Spaß zurück, „das war der Kick!“

Während Cengiz noch nicht weiß, was er nach dem Abitur machen möchte, hat Karim schon Pläne. „Ein Jahr arbeiten, Geld verdienen für eine Wohnung und dann studieren“, sagt er selbstbewusst. Karim glaubt, dass jeder den Abschluss schaffen kann, wenn er will. „Ich habe versucht, andere mitzuziehen“, sagt er stolz. „Ich habe sehr viel Energie, ich will mein Leben nicht verschwenden.“

 

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„Inklusion bedeutet für mich, dass ich wählen kann!“

Jill Christin Werner ist viel zu beschäftigt, um sich über Inklusion viele Gedanken zu machen. Die 44-Jährige hat eine Lernbehinderung – und sie arbeitet an der Uni, ist Rettungsschwimmerin und Triathletin. Hier stellen wir sie vor.

Mit Schlagfertigkeit und Humor
Schwer vorstellbar, dass Jill Christin Werner jemals schlechte Laune haben könnte. Das fröhliche Lachen der 44-Jährigen ist ansteckend. Mit ihrer Schlagfertigkeit und ihrem Humor nimmt die Hamburgerin andere Menschen schnell für sich ein. Dass Jill Christin Werner eine Lernbehinderung hat, die es ihr schwer macht, sich zu konzentrieren, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Mit zwölf Jahren erlitt sie eine Gehirnblutung, lag im Koma – das verstärkte ihre Behinderung. Entmutigen lässt sie sich davon jedoch nicht. „Meine Mutter hat mich immer gefordert. Manchmal war mir das fast zu viel“, erzählt sie. Aber es spornte sie auch an, etwas aus ihrem Leben zu machen und selbstständig zu werden. „Inklusion ist für mich selbstverständlich“, sagt sie selbstbewusst.

Selbst entscheiden
Jill Christin Werner findet es auch wichtig, sich politisch zu engagieren. „Inklusion bedeutet für mich, dass ich wählen kann“, sagt sie, auch wenn sie – wie die meisten Menschen in Deutschland – nicht alles versteht, was die Parteien machen. Dass sie selbst entscheiden kann, wo sie arbeiten will, ist für die junge Frau das entscheidende Kriterium für Inklusion. Eigentlich sollte sie in einer Behinderten-Werkstatt beschäftigt werden, „aber da hätte ich nur Blödsinn gemacht“, ist sie sich sicher. Heute hat sie eine Festanstellung an der Uni-Bibliothek der Juristischen Fakultät. Zwanzig Stunden in der Woche etikettiert und repariert sie Bücher, die Kollegen mögen und schätzen sie: „Ich habe Glück mit meinem tollen Job!“
Auch Sport spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Nur zu schwimmen war ihr nicht genug, also wurde sie Rettungsschwimmerin und arbeitete ehrenamtlich während der Freibadsaison im Team, „wie bei Baywatch!“ Heute schwimmt sie nur noch zum Vergnügen – und im Wettkampf. Beim Triathlon im Stadtpark nahm sie in einem Team des Rauhen Hauses teil. In diesem Jahr hat sie sich dafür sogar aufs Fahrrad gewagt, eine Premiere.

Soziales Engagement
Soziales Engagement ist für Jill Christin Werner selbstverständlich. Beim Rauhen Haus gehört sie zum Qualitätszirkel in der Behindertenhilfe, sie ist im Wohnbeirat einer Wohneinrichtung für behinderte Menschen und Fürsprecherin für Bewohner, die nicht sprechen können. „Ich begleite sie zu Wohnbeiratssitzungen, schaue, was sie erzählen wollen, und kann berichten, was in der WG passiert, weil ich selbst zweimal im Monat da bin“, erzählt sie. „Ich arbeite also auch als Freiwillige beim Rauhen Haus!“ Was sie gern noch machen möchte? „Ich würde gern die Gebärdensprache lernen“, erklärt sie. In der Frauengruppe, die sie alle zwei Wochen besucht, ist eine Frau, „die hat das studiert und mir was beigebracht. Die schlimmen Wörter kann ich schon!“

Die Familie ist wichtig
Ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein verdankt sie vielleicht auch dem engen Zusammenhalt ihrer Familie, auf die sie sich immer verlassen kann. In der Wohnanlage, in der sie allein in einer gemütlichen kleinen Wohnung unterm Dach wohnt, hat schon ihr Opa gearbeitet, ihre Wohnung hat sie von ihren beiden Brüdern übernommen. „Wenn was ist, brauche ich nur anzurufen“, sagt sie zufrieden. Einmal in der Woche kommt ihre persönliche Assistenz des Rauhen Hauses, um sie bei Behördenangelegenheiten oder beim Umgang mit Geld zu unterstützen. Alles andere schafft Jill Christin Werner allein – so kann gelungene Inklusion aussehen.

Inklusion findet Jill Christin Werner ein viel zu kompliziertes Wort. „Das versteht keiner“, sagt sie kopfschüttelnd. „Das hat sich wohl jemand ausgedacht, dem nichts Besseres eingefallen ist.“ Da muss sie selbst lachen: „Ich bin ganz schön frech, oder?“

 

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175 Jahre Adventskranz: Ein Licht der Hoffnung in dunklen Tagen.

Während der Adventszeit steht der Adventskranz in vielen Wohnzimmern und erhellt mit seinem Licht die langen dunklen Wintertage vor dem Weihnachtsfest. Die vier Kerzen auf dem Kranz aus Tannenzweigen symbolisieren die vier Adventssonntage. Doch wer hat den Adventskranz eigentlich erfunden? Johann Hinrich Wichern (1808–1881), Theologe aus Hamburg und Gründer des Rauhen Hauses, hatte vor 175 Jahren die zündende Idee, mit einem Kranz aus Kerzen die Zeit des Wartens auf Weihnachten nachvollziehbar zu machen.

Eine Chance für die Kinder von der Straße
Vielleicht war Johann Hinrich Wichern an diesem trüben Wintertag im Jahr 1839 mit seinem Latein am Ende. Der Theologe hatte es sich zur Aufgabe gemacht, verwahrloste und verwaiste Kinder und Jugendliche aus den Hamburger Elendsvierteln zu betreuen; Kinder, die ihn und seine Helfer oft an ihre Grenzen brachten. Ohne Zwang und Schläge, sondern mit Gemeinschaft, Arbeit und dem Lesen der Bibel sollten die Kinder erzogen werden.

Sechs Jahre zuvor war Wichern in ein altes Bauernhaus, Das Rauhe Haus, gezogen und hatte seine Arbeit begonnen. Ende 1833 betreute er bereits 14 Jungen zwischen fünf und achtzehn Jahren – Kinder, die bis dahin in ihrem Leben auf der Straße Gewalt, Hunger und Armut erlebt hatten, die logen und stahlen.

Die lange Zeit des Wartens 
Die Adventszeit war im Rauhen Haus eine besondere Zeit der Erwartung, mit täglicher Andacht und Singstunde. Aber wie konnte man den ungestümen, schwierigen Kindern das Warten aufs Weihnachtfest verkürzen, ihnen die Adventszeit als Zeit des Wartens verständlicher machen? Vielleicht, indem es jeden Tag bis Weihnachten ein wenig heller und wärmer wird, mag sich Wichern an diesem Wintertag gedacht haben.

Mit einem Wagenrad fing es an
Sein erster Adventskranz bestand aus einem hölzernen Wagenrad, auf dem vier dicke weiße Kerzen für die Sonntage und kleine rote Kerzen dazwischen für die Werktage angebracht waren. An jedem Tag, vom ersten Advent bis zum Weihnachtsfest, wurde eine Kerze entzündet. Advent als der Weg des Lichts wurde auch für die Kinder begreifbar. 1860, mehr als zwanzig Jahre nach der ersten Adventskranzentzündung, wurde der hölzerne Kranz mit Tannengrün geschmückt, ein Zeichen der Hoffnung und des Lebens.

Einzug in die Wohnstuben 
Doch erst nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich in Deutschland die Idee durch, auch zu Hause christliche Symbole zu zeigen. Die ersten Adventskränze wurden angeboten, allerdings in abgespeckter Version: Wicherns wagenradgroßer Kranz mit seinen vielen Kerzen war für eine Bürgerstube viel zu groß, bei einem kleineren Kranz hätten sich die Kerzen gegenseitig zum Schmelzen gebracht. Die Lösung war der Kranz, wie wir ihn heute kennen, ohne Werktagskerzen, aber mit den roten Kerzen – als Farbe für die Liebe Gottes – für die Sonntage.

Eine schöne Tradition
Heute ist der Advent ohne Kranz kaum vorstellbar. Es gibt ihn in allen Farben, den unterschiedlichsten Materialien, mit echten oder Kunstlicht-Kerzen – immer sind es vier. Beim Rauhen Haus in Hamburg wird auch in diesem Jahr wieder der klassische Kranz entzündet, mit großen weißen Kerzen für die Sonntage und mit kleinen roten Werktagskerzen – wie zu Wicherns Zeiten.

Johann Hinrich Wichern: Theologe und Pädagoge

Die Arbeit des großen Theologen Johann Hinrich Wichern ist heute aktueller denn je. Mehr als dreitausend Menschen werden heute in der Stiftung Das Rauhe Haus von rund tausend Mitarbeitern ausgebildet und betreut.

Theologe und Pädagoge aus Überzeugung
Wichern war Gründer und erster Vorsteher des Rauhen Hauses und Initiator der Inneren Mission, also der heutigen Diakonie. Er war auch ein guter Pädagoge, der sich in die hilfsbedürftigen Kinder und Jugendlichen hineinversetzen konnte. Mit fünfzehn hatte Wichern selbst den Vater verloren. Als Ältester war er für seine sechs Geschwister verantwortlich; tagsüber arbeitete er, nachts lernte er, zuerst für die Schule, dann für das Studium der Theologie.

Im wahrsten Sinne: tätige Nächstenliebe
Seine Idee, verwahrloste Jugendliche in einer Gemeinschaft von Brüdern, wie er seine Helfer nannte, aufwachsen zu lassen, war revolutionär und traf auf viel Resonanz. Wichern erkannte die Not im eigenen Land und die Notwendigkeit, in Verbindung von Glaube und Liebe den Elenden im Land zum Leben zu helfen. Die Kinder und Jugendlichen sollten einen Beruf erlernen, selbstständig werden und Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen können – Hilfe zur Selbsthilfe, eine sehr moderne Haltung.

 

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© DAS RAUHE HAUS