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„Das Unerwartete managen“

07.06.10 -

Hamburg, 4. Juni 2010 - Heute trafen sich rund vierzig leitende Jugendhilfeexperten aus dem Rauhen Haus, anderer Träger, dem Diakonischen Werk, der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, Jugendäm­tern und Behörde zu einer Fachtagung. Sie beschäftigten sich mit der Frage, was die Kinder- und Jugendhilfe aus Erfahrungen von Hochsicherheitsorganisationen (High Reliability Organizations – HRO) lernen kann.

Ausgangspunkt dieser Frage ist die Tatsache, dass Kinder- und Jugendhilfe in einem mit vielen Risi­ken und Unberechenbarkeiten behaftetem Feld tätig ist, das eine hohe Achtsamkeit verlangt. Sie muss die Professionalität ihrer Mitarbeiter ständig weiter entwickeln und ihre organisatorischen Sys­teme auf immer neue Bedingungen einstellen, ohne sich darauf verlassen zu können, dass sie im Ernstfall funktionieren.

Die Referentin der Tagung, Dr. Annette Gebauer, berichtete dazu von einem relativ neuen For­schungsansatz aus den USA: Managing The Unexpected.  Dieser Ansatz der Forscher Kathleen Sutcliffe und Karl E. Weick beschäftigt sich mit den Organisationspraktiken und -kulturen von HROs, die eine hohe Aufmerksamkeit schon im Vorfeld ermöglichen und so vorausschauend die Fehler­wahrscheinlichkeiten minimieren. Zu Hochsicherheitsorganisationen gehören unter anderem Wirt­schaftsunternehmen, Produktionsanlagen sowie militärische Einrichtungen.

„HROs bauen bewusst Widerspruch und Mehrdeutigkeit in ihr Alltagsgeschäft ein“, sagt Dr. Annette Gebauer, die mit Kathleen Sutcliffe zusammengearbeitet hat. „Sie kontrollieren nicht nur zu erwartende Risiken. Sie rechnen immer damit, dass etwas Unerwartetes passieren kann. Neu­gierig nutzen sie jede kleinste Abweichung, um etwas über den Systemzustand zu lernen. Dieses Vorge­hen erfordert ganz andere Führungs- und Organisationsformen, von dem andere Organisa­tionen viel lernen können.“

Michael Tüllmann, Leiter der Kinder- und Jugendhilfe des Rauhen Hauses und seit fast 30 Jahren leitend in Sozialer Arbeit tätig, stieß 2008 auf diesen neuen Ansatz: „Das Steuerungskonzept von Sutcliffe und Weick  kapituliert nicht vor den Grenzen der Steuerung von Organisationen, vertraut nicht auf überzogene Formalisierung, sondern entwickelt eine größtmögliche Risikovermeidung durch eine Kultur der Achtsamkeit, die eine optimale Verbindung von Interaktion in konkreten Situa­tionen mit  organisierten Verfahren verbindet. Hier entsteht eine Perspektive für die Kinder- und Ju­gendhilfe, die immer häufiger Familien mit sehr geringen Mitwirkungskompetenzen und den daraus entstehenden Risiken betreut.“

Für Rückfragen: Uwe Mann van Velzen, Pressesprecher, Tel. 655 91 110

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