Die Geschichte des Rauhen Hauses
von 1833 bis heute1833: Die Gründung des „Rettungsdorfs“
Rund 100.000 Menschen leben Anfang des 19. Jahrhunderts in Hamburg – viele von ihnen in Armut. In einigen Stadtteilen sind die Verhältnisse katastrophal. Besonders betroffen dort sind Kinder: Verwahrlosung, Kriminalität und Prostitution sind ihr Alltag.

Das erlebt auch der junge Theologe Johann Hinrich Wichern, als er 1832 vom Studium in Göttingen und Berlin nach Hamburg zurückkehrt.
Wichern ist in Hamburg aufgewachsen, als Ältester von sieben Geschwistern. Er ist 15, als der Vater stirbt, und verlässt die Schule, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Studieren kann er später nur, weil reiche Hamburger ihn unterstützen.
Im Alter von 24 Jahren fängt Wichern als Lehrer in der Sonntagsschule des Pastors Johann Wilhelm Rautenberg in der Vorstadt St. Georg an. Beim Besuchsdienst ist er mit dem Elend von Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Und er ist schockiert vom religiösen Verfall in der Unterschicht.
Was tun? Schon bald ist die Idee eines „Rettungsdorfs“ draußen vor der Stadt geboren. Sie findet unerwartet viel Zuspruch. Senatssyndikus Karl Sieveking stellt ein Areal im Dorf Horn zur Verfügung, auf dem eine Bauernkate steht – seit jeher „Rauhes Haus“ genannt.
Am 12. September 1833 wird bei einer überfüllten Versammlung in der Börsenhalle eine der ersten sozialdiakonischen Stiftungen Deutschlands gegründet. Wenige Wochen später zieht Wichern mit drei Kindern aus St. Georg und einigen Familienmitgliedern in das Rauhe Haus ein.
Das Familienprinzip ist Grundlage der Erziehung, schulische und berufsvorbereitende Ausbildung kommen hinzu. Die Leitlinien sind Vertrauen, Gemeinschaft und Vergebung statt Strafe. Zum Aufnahmeritual im Rauhen Haus gehören die Worte: „Mein Kind, dir ist alles vergeben. Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel; nur mit einer schweren Kette binden wir dich hier. Diese heißt Liebe und ihr Maß ist Geduld.“

1830er- bis 1870er-Jahre: Wichern und die deutschlandweite Diakonie
Wichern findet 1834 erste Mitarbeiter, Brüder genannt. Sie arbeiten als Erzieher, sind Tag und Nacht mit den Kindern zusammen und betätigen sich in ihren Handwerksberufen. Denn von nun an wird fortwährend gebaut. Beinahe jedes Jahr entsteht auf dem Gelände in Horn ein neues Haus.
Wichern sorgt auch für die Ausbildung der Brüder und errichtet das „Gehülfeninstitut“. Es ist eine der ersten pädagogisch-theologischen Ausbildungsstätten in Deutschland überhaupt – der Grundstein für eine professionelle Sozialarbeit.
1835 heiratet Wichern Amanda Böhme, die beiden kennen sich aus der Sonntagsschule in St. Georg. Das Paar wird in den folgenden Jahren neun Kinder bekommen. Im Rauhen Haus beginnt Amanda Wichern mit der Mädchenerziehung.


Mit einer geschenkten Druckpresse startet 1842 die Agentur des Rauhen Hauses, die volksmissionarische Schriften herausgibt.
Wicherns Arbeit ist weit über Hamburg hinaus bekannt. 1848 nimmt er an einem Treffen in Wittenberg teil, bei dem es um die Bildung eines evangelischen Kirchenbundes gehen soll. Wichern wirbt dort in einer 75-minütigen Stegreif-Rede für die „innere Mission“. Sie zielt nicht auf andere Weltgegenden, sondern soll Menschen hierzulande für den christlichen Glauben gewinnen. Und zwar durch soziales Handeln oder, wie Wichern es nennt, „rettende Liebe“.
Als Folge seiner mitreißenden Rede gründet sich der „Central-Ausschuß für die innere Mission“, ein Zusammenschluss evangelischer Sozialinitiativen. Damit beginnt die organisierte Sozialarbeit der evangelischen Kirchen – die heutige Diakonie.
Wichern selbst tritt 1857 in den preußischen Staatsdienst ein, widmet sich der Gefängnisreform und gründet in Berlin das Johannesstift.
1872 kehrt er, gesundheitlich angeschlagen, ans Rauhe Haus zurück. Er stirbt 1881 und wird auf dem Friedhof in Hamburg-Hamm beigesetzt, wo das Grab noch heute existiert.
1880er- bis 1930er-Jahre: Das Rauhe Haus wächst

Wicherns Sohn Johannes, der 1873 die Leitung des Rauhen Hauses übernommen hat, steigert die Platzzahl schnell auf das Doppelte, es werden 200 Zöglinge. 1874 wird das Schulgebäude Paulinum eingeweiht. Das Rauhe Haus nimmt auch Mädchen auf, aber das benachbarte Wohnen von Mädchen und Jungen ist nicht gut angesehen. Deshalb werden die Mädchengruppen später in eine andere Einrichtung in Hamburg, die Anscharhöhe, verlegt.
Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Stiftung Das Rauhe Haus ein fast autonomer Wirtschaftsbetrieb, unter anderem mit der Landwirtschaft auf dem Holstenhof.
Während des Ersten Weltkriegs verdient die Agentur gut an Traktaten für Frontsoldaten, die sie in 100.000er-Auflagen herausbringt.
Die Wohlfahrtspfleger- und Erzieherschule des Diakonenseminars wird staatlich anerkannt, das Paulinum 1927 Oberrealschule und in Wichern-Schule umbenannt.
Der damalige Vorsteher bekommt zwar die finanziellen Schwierigkeiten infolge von Inflation und Wirtschaftskrise in den Griff. Doch zugleich wendet er sich dem Nationalsozialismus zu. Das 100. Jubiläum der Stiftung beim Deutschen Diakonentag im Herbst 1933 findet unter dem Hakenkreuz statt.
NS-Zeit 1933-1945: Zwischen bereitwilliger Anpassung und Widerspruch
Die Zustimmung zum Nationalsozialismus ist hoch. Die Diakone schließen sich mehrheitlich den nationalistisch gesinnten „Deutschen Christen“ an. Ein kleinerer Teil hält sich zur Bekennenden Kirche.
In den folgenden Jahren schwankt das Rauhe Haus, wie Kirche und Diakonie insgesamt, zwischen Anpassung und Widerspruch, zwischen bereitwilligem Entgegenkommen gegenüber dem NS-Staat und dem Bemühen, sich nicht vereinnahmen zu lassen.
Angreifbar ist die Stiftung vor allem auf zwei Feldern: bei der Schule und bei den Spenden.
Mit der Wichern-Schule ist Das Rauhe Haus von der NS-Schulbehörde abhängig. Anfang 1934 bekennt sich der Verwaltungsrat zu einer „staatspolitischen, völkisch-nationalsozialischen“ Erziehung im Rauhen Haus. Die Eigenständigkeit der Wichern-Schule fällt trotzdem: Sie wird 1939 verstaatlicht.
Bei den Spenden, im Budget der Stiftung unverzichtbar, werden die staatlichen Regelungen immer restriktiver. So darf die Innere Mission keine Straßensammlungen mehr abhalten, die Werbung für Spenden wird untersagt. 1937 beschlagnahmt die Gestapo die Weihnachtsspenden des Rauhen Hauses. Daraufhin führt die Stiftung „Mitgliedsbeiträge“ ein.
Unterdessen wird der unrentable Brüderhof an den „Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ verpachtet und dient als Durchgangsstation für die erzwungene Auswanderung nach Palästina. Eine ambivalente Entscheidung: Einerseits erzielt die Stiftung damit eine dringend benötigte Einnahme und kommt der Beschlagnahme zuvor. Andererseits wird der Hof zum Baustein der NS-Rassenpolitik.
Die Vernichtungsmaßnahmen der Nazis gegen Menschen mit Behinderungen gehen am Rauhen Haus vorbei: Behindertenhilfe ist damals kein Arbeitsbereich. Ungefährdet ist dagegen die Altenhilfe, die ab 1938 neu hinzukommt – mit dem Aufbau eines Altersheims.
Doch insgesamt wird das Betätigungsfeld der Stiftung immer kleiner. Auch die Diakonenausbildung kommt zum Erliegen.
Anfang 1943 beschlagnahmt der Staat das gesamte Grundstück im Stadtteil Horn. Zur Ansiedlung einer Deutschen Heimschule, eines nationalsozialistisch geprägten Internats, kommt es aber nicht mehr. Im Sommer 1943 bombardieren alliierte Fliegerverbände den Südosten Hamburgs. Im Feuersturm werden auch 25 der 29 Gebäude im Rauhen Haus völlig zerstört. Menschen bleiben zum Glück unversehrt.
Die düstere Situation bei Kriegsende: Die Arbeit ist weitgehend eingestellt, das Stammgelände verwüstet, die Zahl der Brüder dezimiert.
1950er- bis 1970er-Jahre: Wiederaufbau und Professionalisierung
Nach dem Krieg soll es werden wie bisher – nur größer. Davon zeugen die fünfgeschossigen Wohnheime Ora et labora, Weinberg, Goldener Boden und das Wichern-Haus mit 80 Plätzen, die alle Mitte der 1950er Jahre entstehen.
Außerdem wird im Westen des Geländes mit Unterstützung der Hamburger Landeskirche die neue Wichern-Schule erbaut.
1968 ist auch das Brüderhaus mit Mensa, Gäste- und Wohnungsetagen für Diakonenanwärter und Büros fertig. Das Gelände ist wieder eine fast ausschließlich männliche Welt – wie seit 90 Jahren.
Die Evangelische Fachhochschule erhält 1971 die staatliche Anerkennung durch den Hamburger Senat. Aus der Brüder-Anstalt, dem späteren Seminar für Innere Mission, ist eine Ausbildungsstätte für Sozialpädagog*innen und Diakon*innen geworden.
Erstmals sind die Studierenden nicht mehr zugleich Erzieher in den Familiengruppen. Pädagogische Fachkräfte entlohnen zu müssen, stellt die Stiftung bis Mitte der 1970er Jahre vor erhebliche finanzielle und organisatorische Probleme.
Die Kinder- und Jugendhilfe beginnt mit der konsequenten Dezentralisierung: Die Wohngruppen ziehen in unterschiedliche Stadtteile. Und 1977 nimmt das psychogeriatrische Zentrum Brüderhof seine Arbeit auf – für Menschen, die vorher als Langzeitpatienten in psychiatrischen Krankenhäusern lebten.
1980er- bis 2010er-Jahre: Öffnung und Dezentralisierung
Das Rauhe Haus wächst auf das Doppelte seines Umfangs (so steht es bisher im geschichtlichen Abriss – aber woran macht sich das fest? Zahl der Mitarbeitenden, der Standorte der Klient*innen?). Unter anderem kommt Anfang der 1980er Jahre die Ev. Fachschule für Altenpflege hinzu.
Das Wichern-Haus auf dem Stiftungsgelände wird zum sozialpsychiatrischen Wohnhaus ausgebaut, aus dem sich allmählich ein Verbund von Wohnen, Arbeit und Freizeit für psychisch kranke Menschen entwickelt. 1987 zieht die erste Bewohnerin aus dem Wichern-Haus in eine eigene Wohnung. Damit beginnt der Arbeitsbereich Betreutes Wohnen.
Nach der Wende 1989 tagt die erste gemeinsame Konferenz der Diakonenverbände des vereinigten Deutschlands im Rauhen Haus. Die Stiftung begründet die Ev. Fachhochschule für Soziale Arbeit in Dresden entscheidend mit.
Aus der Kinder- und Jugendhilfe geht 1992 als neue Abteilung die Behindertenhilfe hervor.
1994 beginnt, nach historischem Vorbild, eine jährliche Tradition: Drei Kinder aus den sechsten Klassen der Wichern-Schule amtieren als Hamburger Kinderbischöf*innen. Mit ihren Mitschüler*innen setzen sie sich für Kinderrechte und gute Lebensbedingungen in der Metropole ein.
Ab 1996 baut Das Rauhe Haus Hamburgs erstes Kinder- und Familienhilfezentrum im Stadtteil Dringsheide (Billstedt) auf. Auch die Behindertenhilfe geht neue Wege: Die Individuelle Tagesförderung wird eingeführt, in Niendorf ein Wohnprojekt für junge Erwachsene verwirklicht, in Billstedt entsteht ein Wohnhaus, in dem Menschen mit Behinderungen selbstständig zur Miete leben. Das neu errichtete Haus Schönburg wird 1997 bezogen, Haus Ulme 2005. Sie bieten Menschen mit schwersten Behinderungen ein betreutes Zuhause.
Unterdessen drängt die Politik auf die Stärkung ambulanter und damit kostengünstigerer Betreuungsformen. Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe und Sozialpsychiatrie stellen sich dieser Herausforderung und vernetzen in der Folge stationäre und ambulante Versorgung im Quartier.
Die Wichern-Schule geht ab 2007 mit ihrem reformpädagogischen Ansatz ebenfalls neue Wege. Das evangelische Profil, die Offenheit für andere Religionen und das Angebot dreier Schulformen unter einem Dach machen die Schule weit über den Stadtteil hinaus attraktiv.
Seit dem Wichern-Jahr 2008: Teilhabe, Diversität und diakonisches Profil
Anlässlich des 200. Geburtstages von Johann Hinrich Wichern ruft die Diakonie 2008 das bundesweite Wichern-Jahr aus. Zugleich feiert das Rauhe Haus 175-jähriges Bestehen mit einem Dankgottesdienst im Michel und 1.600 Gästen beim anschließenden Empfang. Im selben Jahr besucht Bundespräsident Horst Köhler die Stiftung.
Zu neuen Projekten in jüngerer Zeit zählen etwa Wohnhäuser und ein Treffpunkt für psychisch kranke Menschen, die Das Rauhe Haus in Kooperation mit dem Freundeskreis Ochsenzoll auf dem ehemaligen Klinikgelände in Langenhorn errichtet. Oder die Wohngruppe „Life Works“ für Jugendliche mit psychischen Problemen, die Begleitung für den Schritt ins Berufsleben bekommen. Oder die erste Kita des Rauhen Hauses, die inklusive „Kita für Alle!“ in Eidelstedt.
Aus der Kinder- und Jugendhilfe kommt der Anstoß, gesellschaftliche Diversität stärker zu berücksichtigen. Der kulturelle und religiöse Hintergrund von Menschen wird immer vielfältiger. Soziale Arbeit kann dem respektvoll begegnen und Glauben und Werte als positive Ressource aufgreifen. Das Konzept der religions- und kultursensiblen Arbeit, wie es im Rauhen Haus entwickelt wird, findet inzwischen bundesweit Beachtung.
2017 wird der Stiftungsbereich Behindertenhilfe umbenannt in Teilhabe mit Assistenz. Das zeigt exemplarisch, wie sich das Rauhe Haus seit der Gründung gewandelt hat. Aus der einstigen „Rettungsanstalt“ ist ein professioneller sozialer Träger geworden. Die „Gehülfen“ sind heute Fachkräfte der Sozialen Arbeit, darunter längst auch Frauen, zwei Drittel der Mitarbeitenden sind weiblich. Statt missionarischem Implus zählt ein diakonisches Profil, das offen ist für Diversität. Seit 2024 gibt es auch keine generelle Verpflichtung mehr, dass Mitarbeitende der Kirche angehören müssen. Und vor allem: Nicht mehr Rettung, Hilfe und Betreuung sind die leitende Idee, sondern Förderung, Begleitung und Teilhabe.
Die Vorsteher des Rauhen Hauses
- 1833-1872 Johann Hinrich Wichern
- 1873-1901 Johannes Wichern
- 1901-1920 Martin Hennig
- 1920-1925 Wilhelm Pfeiffer
- 1925-1934 Fritz Engelke
- 1935-1939 Siegfried Wegeleben
- 1939-1957 Gotthold Donndorf
- 1957-1972 Wolfgang Prehn
- 1972-1995 Ulrich Heidenreich
- 1995-2009 Dietrich Sattler
- 2009-2019 Dr. Friedemann Green
- seit 2019 Dr. Andreas Theurich
Sie wollen noch mehr wissen?
Eine ausführliche historische Darstellung erschien zum 175-jährigen Bestehen der Stiftung: Hans-Walter Schmuhl: Senfkorn und Sauerteig, Die Geschichte des Rauhen Hauses 1833-2008, Agentur des Rauhen Hauses, 2008.
Geschichte vor Ort: Bei den kostenlosen Führungen über das Stiftungsgelände in Hamburg-Horn geht es auch um Johann Hinrich Wichern und die Gründungszeit.
Archiv des Rauhen Hauses
Die Stiftung Das Rauhe Haus unterhält ein eigenes Archiv. Das Archiv ist vorübergehend nur auf Anfrage zugänglich. Ab 1. April 2026 wird es wieder regelmäßig öffnen.
Kontakt:
E-Mail: kommunikation@rauheshaus.de
Telefon: 040 65591-111
